Safranski plädiert dafür, die Verzögerungskraft der Vernunft den "Verfeindungsenergien" der Religionen entgegenzustellen, die dadurch sich noch multiplizieren, dass sie sich unwidersprochen im Recht glauben: "Die Weltbilder der pervertierten Religion beanspruchen, das wahre Wesen von Natur und Geschichte zu kennen. Sie wollen das Ganze begreifen und greifen nach dem ganzen Menschen. Sie geben ihm die Geborgenheit einer Festung mit Sehschlitz und Schießscharte." In seinem neuesten Buch liefert der auch durch Fernseh-Talkshows bekannte Schriftsteller eine geistreiche philosophische Analyse der Gegenwarts-Bedingungen. "Der ominöse KAMPF DER KULTUREN ist tatsächlich entbrannt." Leider, muss man hinzufügen, nicht nur auf Seiten des fundamentalistischen Islamismus, sondern auch zusehends auf der Seite einer Renaissance der Religiösität innerhalb der USA. Kabinettssitzungen werden in Washington durch ein Gebet eröffnet (angeführt von Condoleezza Rice oder wechselweise von Rumsfeld etc.; die US-Soldaten werden für den Gang in den Irak mit Bibel und Rosenkranz ausgerüstet.) Es verwundert somit nicht, dass Safranski, ausgehend von KANTs Abhandlung ZUM EWIGEN FRIEDEN (1795) Amerika- und Globalisierungs-kritische Töne anschlägt. "Was tust du gegen das Ozonloch, gegen den weltweiten Terrorismus, gegen die Kinderarbeit in Ost-Timor, gegen die Unterdrückung der Oguschen?" Mit Passagen wie diesen läutet Safranski ein Plädoyer für den Rückzug ins Private ein. Nicht nur der Körper brauche ein Immunsystem, auch der Geist. "Mit jeder Liebesgeschichte und Wohnungseinrichtung, mit jedem Arbeitsvertrag und Buchprojekt zweigen wir uns aus einer Zukunft, die uns kaum eine Chance lässt, eine kleine private Zukunft ab." Safranskis Text ist ein bedenkenswerter Versuch, angesichts individueller Reichweiten-Begrenzung dennoch sinnvoll - und vor allem vernünftig - durchzuhalten. Es müsste mehr solcher in besonnenem Ton vorgetragener Statements geben ...