Die WIENER HOFBURG METAMORPHOSEN EINER KAISERRESIDENZDie Hofburg Wien ist ein vielgestaltiger Gebäudekomplex an dem 640 Jahre – der Regierungszeit der Habsburger – gebaut wurde und dem es trotzdem nie gelang, ein einheitliches Gesicht zu erhalten. Natürlich war dieser Mangel an Glanz den hochherrschaftlichen Bewohnern der Hofburg klar. Was dem Palast zu einem klassischen Herrschersitz fehlte, brachte der Wiener Hofbaudirektor zur Zeit Maria Theresias, Herzog Emanuel Sylva Tarouca auf den Punkt: „Eine symmetrische Gesamtanlage, eine lange und einheitliche Fassade zu den Vorstädten, große Saalräume, ein repräsentatives Treppenhaus und eine monumentale Schlosskapelle.“ Es war der Wunsch Kaiserin Maria Theresias und ihres Gemahls Franz Stephan an den Architekten Balthasar Neumann, diese Schwächen zu beheben. Neumann hatte die prächtige Würzburger Residenz für den Reichsvizekanzler Friedrich Carl von Schönborn errichtet. Diese beeindruckte das Herrscherpaar außerordentlich, als es am Weg zur Kaiserkrönung nach Frankfurt dort kurzen Aufenthalt nahm. Neumanns Entwurf sah allerdings keinen Umbau vor, sondern einen Neubau. Nur Hofbibliothek und Winterreitschule sollten erhalten bleiben. Das war Maria Theresia dann doch zu radikal. Sie wollte nicht, dass die alten Kerngebäude, der Schweizerhof und die Burgkapelle, abgerissen werden, erachtete sie diese doch als Monumente der eigenen Geschichte und als Bestandteil des „symbolischen Kapitals“, mit dem sich der Rang eines Regenten der Barockzeit verdeutlichen ließ. Aus diesem Grunde wurde auch die Augustinerkirche in der Hofburg 1783 von Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg regotisiert. Der Kunsthistoriker Hellmut Lorenz fasst diese historisierende Haltung der Habsburger in den Neuen Forschungen zur Wiener Hofburg zusammen: „Während der hypertrophe Vorschlag des Würzburger Architekten im Bereich papierener Schreibtischprojekte verblieb, ist die wenig spektakuläre Idee, den Raum glücklich im alten Style wiederherzustellen, zum Bestandteil der historischen und künstlerischen Realität im Maria Theresianischen Wien geworden.“ So war es nicht weiter überraschend, dass auch spätere Projekte der Architekten Johann Bernhard und Emanuel Fischer von Erlach sowie Johann Lukas von Hildebrandt ein ähnliches Schicksal erlitten. Es waren also nicht immer die leidigen Finanzen oder ungünstige Zeiten, die einen einheitlichen Bau verhinderten. Das bewusste Pflegen des historischen Erbes war eine wichtige Triebfeder, welche der Hofburg das heutige Aussehen verdankt. Unser Buch versucht, die Vielgestaltigkeit des Konglomerats Wiener Hofburg vor dem Hintergrund der historischen Zusammenhänge zu erklären und mit Fotografien zu dokumentieren, die den Betrachter bequem durch dieses erstaunliche Architekturlabyrinth führen. Beim Abschreiten der zirka drei Kilometer langen Fassaden, die sich im Zeitenlauf kaum verändert haben, fällt auf, wie sehr sich in den letzten Jahren Zweck und Inhalt mancher Trakte gewandelt haben. Einerseits wurden mehrere Bereiche erweitert und zu modernen Museen ausgebaut, andererseits haben viele alte Funktionen der Burg wie Wohnen, Regieren, Archivieren und Amtieren bis heute den Zeiten getrotzt und beharren in manchen Stockwerken und Gängen auf ihren Platz. Die Fassade zum Michaelerplatz und das Halbrund der Neu- en Burg zum Heldenplatz waren die letzten zwei Versuche, eine repräsentative Fassade zur Stadt hin zu gestalten, doch da war es mit der Herrschaft der Habsburger – 1918 – auch schon wieder vorbei.Amalienburg. Beginnen wir mit unserem Spaziergang ganz im Nordwesten der Burg. Weil Kaiser Rudolf II. (1552-1612) die Residenz nach Prag verlegt hatte, ließ er 1575 für seinen Bruder Ernst, der als sein Statthalter in Wien geblieben war, binnen zwei Jahren die Amalienburg errichten. Ihren Namen erhielt sie erst im 18. Jahrhundert nach der Ehefrau von Kaiser Joseph I., Amalie Wilhelmine von Braunschweig-Lüneburg, die dort ihren Witwensitz genommen hatte. Als letzte Habsburgerin lebte bis zu ihrer Ermordung im Jahre 1898 Kaiserin Elisabeth in der Amalienburg, deren private Appartements heute als Schauräume – Kaiserappartements – besichtigt werden können. Die restlichen Zimmer, und das sind nicht wenige an der Zahl, werden vom nahen Bundeskanzleramt am Ballhausplatz als Büros verwendet.Der Leopoldinische TraktKaiser Leopold I. (1640-1705) ließ 1667 diesen Trakt an Stelle der Stadtmauer errichten und formte somit auch den Inneren Burghof, den Hof In der Burg. Das Gebäude brannte unmittelbar nach seiner Fertigstellung ab. Doch Leopold ließ gleich wieder neu bauen, dieses Mal unter der Leitung von Giovanni Pietro Tencala – noch größer und um ein Stockwerk höher. Nach dem Sieg über die Türken 1683 waren die Zeiten der Hofburg als Verteidigungsbau vorbei und Kaiser Leopold konnte der Idee näher treten, endlich einen repräsentativen Palast zu bauen. Lucas von Hildebrandt wurde mit der Planung beauftragt, doch der Kaiser wandte sich plötzlich seinem Jagdschloss Schönbrunn zu und die Hofburg musste weiterhin auf ihre Erneuerung warten. In der Beletage des Leopoldinischen Traktes sind seit 1946 die Amtsund Repräsentationsräume des Bundespräsideten einquartiert. Hier finden die Staatsempfänge statt. Die Ausstattung dieser “Enfilade“ ist durch Maria Theresias persönlichen Stil geprägt und bis heute größtenteils unverändert erhalten. Es waren ihre und ihres Gemahls Franz Stephan von Lothringens Wohnräume. Sie beherbergen die wertvollsten Kunstwerke der Hofburg. Neben prachtvollen Möbeln aus dem 17. und 18. Jahrhundert zeigt das Pietra Dura-Zimmer eine Sammlung von 67 kunstvollen Steinmosaikbildern der bekannten Florentiner Werkstatt Opivicio delle Pietre Dure. Es ist die umfangreichste Sammlung dieser Art nördlich der Alpen, kunstvoll aus Marmor und Halbedelsteinen komponiert. Es mag wie eine Fußnote höfischer Machtpolitik erscheinen, dass Franz Stephan von Lothringen zum begeisterten Sammler dieser Florentiner Spezialität wurde. Seine Leidenschaft für die fabelhaften Kunstwerke entbrannte während seines Aufenthaltes in Florenz, nachdem er - zum Großherzog der Toskana avanciert - sich seinen neuen Untertanen präsentierte. Nach dem Aussterben der Medicis und einem Interessensausgleich mit Frankreich – der Abtretung Lothringens an das Haus Bourbon – war die Toskana an die Habsburger gefallen. Bedauerlich für den Kunstfreund ist die Tatsache, dass die Präsidentschaftskanzlei nur an wenigen Tagen im Jahr öffentlich zugänglich ist. In diesem Zusammenhang soll darauf hingewiesen werden, dass das antike Mobiliar der Schlösser und Burgen in der Verwaltung des Bundes zum überwiegenden Teil aus dem Inventar der Bundesmobilienverwaltung stammt. In der Nachfolge des ehemaligen K. und K. Hofmobiliendepots restauriert und betreut sie Mobiliar, Luster, Teppiche und Bilder aus dem ehemaligen Besitz des Hofärars und stellt sie auch für die Ausstattung von Ministerbüros und Botschaften zur Verfügung. In Österreich-Ungarn wurde der Begriff „Ärar“ für staatliches Eigentum verwendet, das vom Kaiserhaus genutzt und verwaltet wurde, also das Vermögen des Staates bildete. Die Lager des Hofmobiliendepots wurden von Kaiser Franz Joseph genau auf „halbem Weg“ zwischen seinen Schlössern Hofburg und Schönbrunn eingerichtet. Zu einem Museum umgebaut und 1998 eröffnet, findet sich an der Adresse Mariahilferstraße 88/Andreasgasse 7 die größte Möbelsammlung der Welt, die wahrscheinlich überraschendste Schau Wiens – Hofmobiliendepot Möbelmuseum Wien.Der ReichskanzleitraktUnter Kaiser Karl VI. (1685-1740) wird die Reichskanzlei 1723 vom Barockbaumeister Lucas von Hildebrandt begonnen, aber – nach Unstimmigkeiten zwischen Kaiser und von Hildebrandt – von Joseph Emanuel Fischer von Erlach fertig gestellt. Dieses Amtsgebäude diente einst der Gerichtsbarkeit.Durch das Kaisertor kommend betritt man heute im Erdgeschoß zuerst das Museum der Hofsilber- und Tafelkammer. Die Silberkammer ist eines der raren Museen, die sich nur der Tafelkultur widmen. 115.000 (!) Objekte aus Silber, Glas, Porzellan, weiters Bestecke und Küchenutensilien, wie Kochtöpfe und Bratpfannen, überwiegend aus Kupfer, wie sie in den letzten zwei Jahrhunderten am Kaiserhof Verwendung fanden, werden durch moderne Ausstellungsarchitektur vermittelt. Sehr eindrucksvoll sind die zahlreichen bronzenen Tafelaufsätze, welche ab Ende des 18. Jahrhunderts auf allen fürstlichen Tafeln unverzichtbar waren. Das Interesse am Essen und Trinken hat die Silberkammer zu einer der drei meistbesuchten Schausammlungen Österreichs gemacht. Die Silberkammer war aber nicht nur Museum. Sie war als Hofinstitution seit den Anfängen der Hofburg, also seit 735 Jahren, zuständig für die Deckung der Tafel, damals bei Hofe und heute bei Staatsbesuchen.Wenn Sie sich satt gesehen haben an kost- baren Silber- und Porzellanobjekten, können Sie die Kaiserstiege hinaufgehen und durch die privaten Räume Kaiser Franz Josephs und seiner Frau Kaiserin Elisabeths wandeln. Den Appartements vorgelagert ist das Sisi Museum, das versucht, das Leben dieser faszinierenden Frau an Hand von Artefakten, Kleidern, Tagebüchern, Schmuck und Fotografien in einer theatralischen Inszenierung auf sehr persönliche Weise nachzuerzählen. Diese Art der Vermittlung ist nicht unumstritten, wenngleich beim Publikum sehr erfolgreich.Der SchweizerhofDurch das Schweizer Tor, das im Jahre1552 von Pietro Ferrabosco im Auftrag von Kaiser Ferdinand I. errichtet wurde, gelangen wir in den Schweizer Hof. Und damit nicht nur ins Zentrum des historischen Kerns der Hofburg, sondern auch ins Zentrum einer kunsthistorischen Neuerkenntnis. Nach jüngsten Forschungen von Mario Schwarz besteht die Urzelle der Wiener Hofburg aus einer „spätstaufischen Kastelburg“. Laut Schwarz hat der Stauferkönig Friedrich II. bei seinem Aufenthalt in Wien 1237 den Bau beauftragt, der 1275 vom Böhmenkönig Ottokar Pfemysl fertig gestellt wurde. Nach König Ottokars glücklosem Ende bei der Schlacht von Dürnkrut und Jedenspeigen am 26. August 1278 – Ottokar wurde noch am Schlachtfeld von einem Kärntner Ritter erschlag...