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Wien, Stadt der Juden: Die Welt der Tante Jolesch Gebundene Ausgabe – 17. Mai 2004


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Produktbeschreibungen

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Füreinander, ineinander, gegeneinander
Wien und die letzte Blüte des Wiener Judentums

Die Frage kam dem Verein zur Erhaltung der Mensa Academica Judaica am Wiener Zimmermannplatz sichtlich ungelegen. Nun würden sicherlich »Vorwürfe nationaljüdischer Kreise« folgen, befürchtete die Vereinsleitung. Widerwillig bestätigte sie schließlich dem Prager Tagblatt das Gerücht: »Es ist uns sehr unangenehm, daß die Schwester Hitlers unsere Küche für jüdische Studenten geleitet hat.« Zwar wisse man schon seit »längerer Zeit«, daß die ehemalige Leiterin der jüdischen Hochschulmensa »dem nationalsozialistischen Führer politisch und verwandtschaftlich sehr nahe steht«, doch hatte man bislang das peinliche Beschäftigungsverhältnis zu vertuschen gewußt.
Zu diesem Zeitpunkt, im September 1931, hatte die dreifache Mutter und Steueramtsoffizialswitwe Angela Raubal bereits der Stadt den Rücken gekehrt. Seit drei Jahren führte sie nun ihrem Halbbruder den Haushalt
in dessen Landhaus am Obersalzberg, wo er seinen offiziellen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, und verwöhnte die Freunde und Mitarbeiter des nach der Macht strebenden Antisemitenanführers. Besonders beliebt waren nach Erinnerung regelmäßiger Tischgäste ihre Wiener Mehlspeisen und Backhendln.
In den Tagen, in denen ihre berufliche Laufbahn ruchbar wurde, trug Angela Raubal Trauer. Wenige Tage zuvor hatte sich ihre Tochter Geli in Hitlers Münchner Stadtwohnung das Leben genommen. Erst der skandalumwitterte Selbstmord lenkte die Aufmerksamkeit auf die Merkwürdigkeiten in der Familiengeschichte des damals bereits prominenten Politikers.
Am 3. Juni 1920 hatte Angela Raubal ihre Stellung in der jüdischen Mensa angetreten, die sie acht Jahre lang beibehalten sollte. Kurze Zeit darauf, im Oktober 1920, stand plötzlich ihr Halbbruder vor ihrer Wohnungstür in der Schönburgstraße 52. Die Geschwister hatten einander zwölf ereignisreiche Jahre lang nicht gesehen, aus dem mittellosen Vagabunden war mittlerweile ein hitzköpfiger Radauredner geworden. »Ich war darüber so weg, daß ich ihn zuerst nur groß angeschaut habe«, erzählte die Köchin nach 1945 bei einem Verhör mit dem amerikanischen Geheimdienst CIC: »Das erste, was auf mich großen Eindruck gemacht hat, war die Tatsache, daß er mit mir einkaufen gegangen ist.«
Zumindest sechs Mal tritt Adolf Hitler während dieses knapp vierzehntägigen Besuchs in Wien als antisemitischer Propagandaredner auf. Als er drei Jahre später nach seinem gescheiterten Putschversuch in Festungshaft seine Ausrottungsphantasien zu »Mein Kampf« diktiert, besucht ihn natürlich auch die nahe Anverwandte Angela Raubal »an einem nebeligen Dezemberabend« in Landsberg. »Er war dazumal geistig und seelisch auf der Höhe wieder«, berichtete sie ihrer Schwester Paula in einem Brief.
Derweil die Anhänger ihres Halbbruders an der Wiener Universität immer häufiger Krawalle anzetteln, überall in der Stadt ihre Hakenkreuze an die Mauern schmieren und ihre jüdischen Kommilitonen terrorisieren, bekocht die resolute Oberösterreicherin unverdrossen die Studiosi in der Mensa Judaica und sorgt zur vollsten Zufriedenheit ihrer Dienstgeber für einen koscheren Mittagstisch. Einer der Gründe zur Einrichtung einer eigenen jüdischen Mensa war es gewesen, den angefeindeten Studenten die Möglichkeit zu geben, ungestört von den Anpöbelungen der Antisemiten ihre Mahlzeiten einzunehmen.

Wahrscheinlich besagt diese historische Fußnote für sich genommen nur wenig. Sie blieb folgenlos, nur ein Kuriosum in einer Zeit, die reich an kuriosen Geschehnissen war. Doch als Sinnbild verdeutlicht sie, wie vielschichtig das Zusammenleben der einzelnen Wiener Bevölkerungsgruppen war, auf wie vielen verwegen verschlungenen Wegen sie einander begegneten.
Es herrschten ja an und für sich schlampige Verhältnisse, man traf aberwitzige Arrangements, indes die großen Ideen glühten und Utopien wucherten. Es schien ganz unangezweifelt ein neues Zeitalter angebrochen zu sein, und ungeheure Energien wurden mobilisiert, es zu einem Besseren zu wenden.
Es war eine Zeit, in der Pathos und Pragmatik selten der Versuchung widerstehen konnten, sich einer gemeinsamen Liaison hinzugeben. Trotz aller Fehlschläge und Irrtümer, trotz aller halbherzigen Versuche und mangelhaften Resultate knisterte feuereifrige Entschlossenheit, die Zukunft zu gestalten. Resignation und Schicksalsergebenheit hatten vorläufig ausgedient. Die alten Probleme sollten nun mit Hilfe eines neuen Instrumentariums bezwungen werden, neue Argumente sollten alte Vorurteile überwinden helfen.
Mit dem Jahr 1918 war nicht nur die imperiale Selbstherrlichkeit der kaiserlichen Residenzstadt Wien zusammengebrochen, es waren auch die allseits akzeptierten Selbstverständlichkeiten in Staat und Gesellschaft fortgefegt worden. All die sozialen Rituale, die jegliche geistige Mobilität gelähmt hatten, verloren ihren bestimmenden Wert, und das Korsett des Jahrhunderte hindurch regierenden Gottesgnadentums war gesprengt. Nun konnte die Stadt in tiefen Zügen den modernen Geist in ihre Lungen saugen.
In erstaunlich kurzer Zeit fand diese urbane Transformation von der Kaiser- zur Hauptstadt der Republik statt. Wien, bisher geprägt von barockschwerem Zeremoniell der Hofschranzen, verwandelt sich – wohl eher der Not gehorchend, denn der eigenen Neigung – in eine noch nicht moderne, aber doch nach Modernität strebende Metropole. Der morbide Schimmer von Kunstblüte, Décadence und schönem Schein verflüchtigt sich in einer dreckigen, aber auch grellen Realität. Das dirilierende Räuscherl ernüchtert zu nervösem Kokainfieber. Plakate schreien mit kräftigen Farben in die Stadt, bald zeichnen die Neonlichter nackte Linien in die Nacht. Verkehr schwillt an, Tempo braust auf, Bewegung erfüllt den urbanen Raum.
Die alten Eliten sind in ein historisches Abseits gestürzt, in eine Art Joseph-Roth-Ausgedinge schwermütigen Angedenkens. Der Adel ist samt seiner überkommenen Privilegien abgeschafft. An seine Stelle tritt eine neue Clique von Glücksrittern und Börsenjobbern. Sie sind zeitweilig die neuen Herren der Stadt und machen selbst den eingesessenen Industriebaronen den gesellschaftlichen Rang streitig. Hatte beispielsweise der milliardenschwere Finanzhai Siegmund Bosel ursprünglich als Lohn für seine vaterländischen Dienste lediglich den vergleichsweise bescheidenen Titel »kaiserlicher Rat« erbeten, steht sein Sinn nun nach Höherem: Mitten am Ballhausplatz, in unmittelbarer Nachbarschaft der Hofburg, will er sein Palais auffahren lassen und verhandelt mit der Republik, ihm das Areal zu überlassen. Das entsprechende Gesetz war bereits beschlossen, nur ein plötzlicher Bankrott verhinderte letztlich das Luftschloß des Parvenus.
Die republikanische Verfassung ist nicht einmal noch beschlossen, da haben sich die neuen demokratischen Strukturen bereits verfestigt. Schon im ersten Jahr der jungen Republik verfaßt der Sozialdemokrat Julius Deutsch, ehemals Redakteur der Arbeiter-Zeitung und gerade mit dem Aufbau eines neuen Heeres, der Volkswehr, beschäftigt, eine zornbebende Anklageschrift gegen die »schwarzgelben Verschwörer«. Seine Warnung vor Restaurationstendenzen scheint jedoch zu diesem Zeitpunkt kaum mehr vordringlich, denn
sie wären chancenlos gewesen. Vielmehr beabsichtigt Deutsch, wie viele andere seines Geistes, eine Abrechnung mit dem Weltkriegskaisertum und dessen Proponenten. Den Namen Habsburg umweht – selbst verglichen mit heute – in jenen Tagen kaum noch Wehmut oder Nostalgie.
Ein bis dato unbekanntes Wesen betritt die Szene. Es ist der Neue Mensch, der nun die Phantasien beflügelt. Eine Spezies, die nicht einem bestimmten Parteiprogramm entstammt, sondern von der historischen Evolution hervorgebracht worden ist. Es kann sich dabei sowohl um den neuen Menschen des Austromarxisten Max Adler handeln oder um jenen der Zionisten. Oder den neuen Lernenden der Schulreformer. Den neuen Magnaten des Börsenfiebers. Den neuen Philosophen des wissenschaftlichen...

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