Heute etwas angestaubt, aber dennoch lesenswert, denn viel hat sich in Tibet in den letzten 30 Jahren nicht geändert. Die Probleme sind die gleichen geblieben und Harrer hat hierzu eine ganze Menge zu sagen. Was er zu sagen hat, stimmt immer noch.
Harrer bietet in diesem Buch ein Sammelsurium an Geschichtchen, die er anlässlich seiner Wiedersehens-Reise nach Tibet 1982 zusammengestellt hat. Wobei "Tibet" für ihn auch in Indien, Deutschland, Schweiz liegt, weil es überall da ist, wo sich Tibeter befinden.
Harrer hat ausgewogene, vernünftige Ansichten, weil er sehr wohl einen Blick dafür hat, was auch im alten Tibet bereits im Argen lag, er hebt das Tibetische nicht in ein persönliches Pantheon. Es sei eben nicht erstrebenswert, nur um der Religion und veralteten Regierungsformen willen zu leben. "Auch dem Dalai Lama und den fortschrittlichen Adeligen war es seit langem klar gewesen, dass unbedingt Reformen geschaffen werden mussten, um zum Beispiel die ungerechte Verteilung der bebaubaren Gebiete, die zu einem Drittel den Klöstern, Adeligen oder Regierungsbeamten gehörten, zu korrigieren. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass sich der Dalai Lama über die Rückständigkeit seines Landes völlig im Klaren war..."
Mit den Chinesen kamen tiefgreifende Änderungen, aber doch mehr Äußerlich. Die Chinesen haben zunächst das Land nur ausgebeutet und die Bevölkerung unterdrückt. Der Religion konnten sie nichts anhaben. Das hat der Atheismus noch nirgendwo geschafft.
Aber die Chinesen haben dazu gelernt. Und deshalb kommen sie nicht ganz und gar schlecht weg, weder bei Harrer noch beim Dalai Lama, der oft genug eine gewisse Verwandtschaft zwischen Buddhismus und Marxismus betont hat. Heute würde ein Dalai Lama dem König von Zanskar zustimmen, der sagte: "Auch meine Untertanen sollen ein Hospital, eine Post haben, und das ermöglichen die Touristen, und deshalb brauche ich die Straße." Je mehr Chinesen ins Land kommen, desto mehr Straßen und Schulen wird es geben. Desto mehr verlieren aber auch die Tibeter ihre Identität, wenn sie nicht aufpassen.
Harrer plädiert für eine zumindest teilweise Befreiung der Tibeter, gleichwohl sagt er: "Es liegt mir nicht daran, in alten Geschichtsbüchern herumzusuchen, um zu beweisen, wann Tibet unabhängig war und wann nicht. Eine objektive Antwort wird immer schwierig sein, hängt das Urteil doch vom Autor ab - ist es ein Engländer, ein Inder, ein Tibeter, oder ein Chinese. Jeder hat seine Version. Wichtig sind heute die Fragen, was Tibet tun kann, was der Dalai Lama vermag..." ... um zu besseren Lebensverhältnissen zu gelangen und zugleich die spirituelle Kultur zu erhalten! Ihm selbst schwebt das Beispiel von Bhutan an, das eine teilweise Autonomie hat. Er lobt Indien als ein gutes Beispiel wie man mit Minoritäten auf eine vernünftige Art umgeht.
Dass Harrer immer wieder auf seine 7 Jahre in Tibet zurückkommt, ermöglicht erst den Vergleich zum Heute seiner Wiederkehr. Harrer weiß mehr als so mancher Neuzeit-Möchtegern-Tibet-Abenteurer. Er ist nüchterner als z.B. ein Bruno Baumann. Die 7 Jahre in Tibet haben Harrer nicht zum Esoteriker gemacht. Er hat sich den Blick für die Realität bewahrt. Er ist nicht Buddhist geworden, aber er sympathisiert zu Recht mit den friedliebenden Tibetern. Trotzdem unterscheidet er zwischen den "Go Nyima", Doppelköpfigen, wie er die Kollaborateure mit den Chinesen nennt, Traditionalisten, der einfachen Landbevölkerung und dem Adel. Noch bemerkenswerter ist, dass er zwischen Klerus und Religion differenziert. Lamaismus und diejenigen, die ihn institutionalisieren, soll man nicht gleichsetzen. Ein ähnliches Problem haben alle Religionen. Wo liegt der Kern ihrer Botschaft?
Harrer bleibt nicht in Melancholie stecken, nur weil in Tibet vieles von der alten Kultur zerstört worden ist, denn er weiß, der Mensch ist in der Lage, wenn er nur will, das was gut an ihm ist, wieder stark werden zu lassen. Er mahnt, "Was man nur idealisiert, kann man nicht verstehen, denn man blickt auf das selbstverfertigte Bild und nicht auf die Tatsachen."
Seltsam, dass gerade dieses heitere Volk so unvorstellbar seit der Machtübernahme durch die Chinesen erdulden musste! Weniger seltsam vielleicht, dass gerade das Volk, dessen Glaube sagt, dass alles Leben Leiden sei, so viel leiden musste. Als ob es lernen sollte, dass es darum gehen muss ein Leben ohne Leiden zu erzielen, ein Leben einer noch höheren Qualität als auf dem derzeitigen Dach der Welt. Doch das würde dem Buddhismus in letzter Konsequenz zuwiderlaufen.
Harrer kritisiert nicht, er hat mehr die Rolle des Beobachters, wie schon bei seiner ersten Tibetreise, als er alles möglichst penibel berichtete.
Auch in Tibet, das sieht Harrer sehr richtig, lässt sich die Entwicklung nicht aufhalten! Selbst in der Tradition kann es keinen Stillstand geben, denn: "Wenn wir so bleiben wollen, wie wir sind, müssen gewisse Dinge verändert werden!" zitiert er Garribaldi. Und er sagt selber: "Ich kann nur immer wiederholen, dass wir uns alle damals in Lhasa einig waren, es müsse sich vieles ändern in diesem Staat, dessen Regierung eine Mischung aus Feudalwesen und Kirchenpolitik war, ähnlich wie bei uns im Mittelalter."
Er empfiehlt aber das, was er selber gelernt hat: "Man muss Stufe für Stufe erklimmen, um nach oben zu gelangen. Und schon eine einzige übersprungene Stufe kann den Weg zum großen Ziel scheitern lassen." Stimmt schon, nur wenn man auf dem falschen Weg ist, ist es besser man überspringt Stufen, um schneller seinen Irrtum einzusehen! Aber noch steht es nicht ganz "Temdre-me!", schlecht, in Tibet.
Harrer kennt in Tibet jeden der Rang und Namen hat. Gerne erwähnt er, dass er der Freund des Dalai Lahma und von Sven Hedin war, ein großer Teil seines Buches befasst sich mit dem Wiedersehen früherer Weggefährten, er führt viele Gespräche - ohne Dolmetscher! Da ist zwar Melancholie aber nicht Hoffnungslosigkeit. Das gleiche gilt für die Tibeter, auch wenn sein erster Eindruck skeptisch ist, als er eine alte Bekannte trifft: "Ich suche nach der Anmut der Bewegungen, der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, die ein so typisches Merkmal der jungen Tibeterinnen gewesen waren, aber ich finde stattdessen nur Ernst und Resignation."
Aber er sieht auch noch viele lachende Gesichter. Stille und Glauben seien Tibets eigentliches Charakteristikum, und die Unbelehrbarkeit der Tibeter, die Harrer mehrfach zitiert. Er war 7 Jahre lang Lehrer und Aufbauhelfer in Tibet, er muss es wissen! Er bezeichnet die Tibeter aber auch als "liebenswert und fröhlich und arbeitsam, und viel redlicher auf ihre Art als manche Europäer und Amerikaner". Er schließt mit der Hoffnung, "dass Lhasa und Tibet eines Tages ihre alte faszinierende Atmosphäre und ihren bezaubernden Charme wiederfinden werden."