Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet hat 2008 diese Sammlung von acht Essays herausgegeben, deren Autoren der Frage nachgehen, was die in letzter Zeit neu aufgeflammte Atheismusdebatte zur theologischen Diskussion beitragen kann.
Im Zusammenhang mit dem Darwin-Gedenkjahr 2009 wird zum einen der Atheismus etwa eines Richard Dawkins beleuchtet, der den Menschen in ein naturalistisch-monistisches Weltbild einordnen will, in dem alles determiniert ist und ihm keine Willens- und Entscheidungsfreiheit mehr zukommt. Der liberale Skeptiker Christopher Hitchens übt scharfe Kritik an den Protagonisten des religiösen Fundamentalismus' jeglicher Couleur und wirft ihnen, sicher nicht zu Unrecht, Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke und die Anstiftung der Gläubigen zu Hass und Gewalt vor. Während beide Autoren trotz aller berechtigter Infragestellungen aber beträchtliche Theorieschwächen erkennen lassen (wie den fehlenden Hinweis darauf, dass auch alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse immer nur unter bestimmten Prämissen Gültigkeit haben) und somit deutlich hinter dem Niveau von Religionskritikern wie J.H. Pestalozzi, I. Kant oder S. Kierkegaard zurückbleiben, sind die Publikationen von Burkhard Müller, Peter Sloterdijk oder Herbert Schnädelbach, auf die in weiteren Essays des Buches Bezug genommen wird, schon deutlich fundierter. Interessant ist vor allem das Phänomen des "frommen Atheismus'": Hierbei geht es weder um einen leidenschaftlichen Kampf gegen alles Göttliche und Religiöse noch um eine Huldigung des Hedonismus' oder ethischen Relativismus': Der "fromme Atheist" leidet existenziell am Verlust seines Glaubens und der 'Abwesenheit' Gottes, der Welt und Menschen allem Anschein nach sich selbst überlassen hat. Sein Schmerz über die wohl niemals zu lösende Theodizee-Frage knüpft an die bekannte Klage von F. Nietzsche an:
"Wohin ist Gott? (...) Wie brachten wir dies zu Stande, diese ewige feste Linie wegzuwischen (...)? Stehen wir denn selber noch auf unseren Füßen? Stürzen wir nicht fortwährend? (...) Haben wir nicht den unendlichen Raum wie einen Mantel eisiger Luft um uns gelegt? (...) Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?"
Frommen Atheisten ist der Glaube abhanden gekommen, weil es ihnen zu ernst damit ist und da sie aus bedenkenswerten Gründen daran zweifeln, ob die großen biblischen Heilsverheißungen sich wirklich erfüllen werden. So befürchten sie, dass wir letztendlich trotz aller Bemühungen um eine menschlichere Welt rettungslos verloren sein könnten. Auch die oft allzu leichtfertige Rede von der "Wiederkehr der Religion", etwa von Elisabeth Hurth in ihrem Buch "Religion im Trend" (Düsseldorf, 2008) als höchst ambivalentes Phänomen offengelegt, kann als relativ unverbindlicher Austausch spiritueller Befindlichkeiten, bei dem sich die Beteiligten wohlig aufgehoben fühlen, ohne jedoch existenztragenden Halt zu finden, hier keine wirkliche Abhilfe schaffen. - Der "fromme Atheismus" fordert in doppeltem Sinne heraus:
-wirklich Ernst zu machen mit den christlichen Grundnormen, etwa des Dekalogs und der 'Bergpredigt", das heißt: nicht nur an mitfühlende und tatkräftige Nächstenliebe zu glauben, sondern sie wirklich zu üben und sich im tagtäglichen Leben darin zu bewähren.
-immer wieder um eine lebendige, zutiefst persönliche Beziehung mit Gott zu ringen, in kritischem Vertrauen sowie schonungsloser Aufrichtigkeit, gerade angesichts der Zweifel, Unzulänglichkeiten und Abgründe in der eigenen Seele.
Wenn also erreicht wird, dass sich alle Gläubigen um religiösen Ernst bemühen sowie insbesondere den "frommen Atheisten" und atheistischen Humanisten mit Respekt und Wertschätzung begegnen, kann die Atheismus-Debatte gerade in der gegenwärtigen Krise wesentlich zu einem Neuanfang beitragen. Dass, getreu dem Prinzip der kritischen Bewahrung, von humanistisch gesinnten Religionskritikern vieles radikal hinterfragt wird, was eigentlich gar nicht genuin jesuanisch ist, sondern -einseitig verzerrt- als christliche Tugend bloß propagiert wurde (Leib- und Lustfeindlichkeit, verbissenes Streben nach Askese und Unbescholtenheit, unkritischer Umgang mit Machthabern, die fragwürdige Grundannahme, dass eher Erlösung von Schuld als Befreiung von Leid notwendig sei...), sollte eher mit Dankbarkeit als mit Groll zur Kenntnis genommen werden. Besonders interessant zu diesem Thema ist der Essay von Jan-Heiner Tück zu einer Rede aus Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon".
Bei aller Ernsthaftigkeit lassen die Autoren jedoch -zumindest zwischen den Zeilen- auch erkennen, dass Religiosität heitere Gelassenheit, Lebensfreude oder die Hinwendung zum Schönen keinesfalls ausschließt. Sie darf sich aber, gerade in kritischen Situationen, nicht darin erschöpfen; entscheidender ist und bleibt die Bereitschaft zur sittlichen Selbstüberwindung (vgl.: J.H. Pestalozzi: "Nur als 'Werk meiner selbst' ist Religion Wahrheit").
In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren unmissverständlich auf die Eigenverantwortung jedes Gläubigen, denn viele christliche Heilsverheißungen sind von ethischen Imperativen nicht zu trennen, zum Beispiel dem Engagement für soziale Gerechtigkeit im Sinne von Matthäus 6,33. -
Jean Paul (1763-1825) behauptete einmal -sicher nicht ganz zu Unrecht- der einzig wirkliche Atheismus sei ein Atheismus aus Verzweiflung. Aber häufig besteht auch die Chance, etwas gegen diese Hoffnungslosigkeit zu tun, um einen rettenden Ausweg zu finden. Dazu sind atheistische Humanisten und Gläubige gemeinsam aufgerufen.