Der Pole Ryszard Kapuscinski bereist seit Ende der 50er Jahre Afrika, meist im Auftrag der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Er berichtete aus Armenquartieren und den Vierteln der weißen "Kolonialherren", von Safaris und Wüstenmärkten, aus Flüchtlingslagern und von Bürgerkriegsfronten.
ANGOLA, 1975: Angola liegt im Südwesten Afrikas und war lange Zeit eine portugiesische Kolonie. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich hier eine Befreiungsbewegung, die MPLA. Während sich die Portugiesen langsam darauf vorbereiteten, die Kolonie aufzugeben und das Land den Afrikanern zu überlassen, entwickelte sich ein Bürgerkrieg zwischen der MPLA und zwei konkurriereden Organisationen.
Im Norden war das die FNLA, die vom Zaire (Kongo) und seinem Diktator Mobutu gesteuert wurde und sich auf die ethnische Minderheit der Bakongo stütze. Im Süden war das die UNITA, die sich aus den Ovimbundu rekrutierte und von Südafrika unterstützt wurde. Alle Parteien trugen hehre Ideale auf ihren Fahnen. Den Hintermännern ging es wohl mehr um die Kontrolle der Diamanten-, Erdöl-, Eisenerz- und Mangan-Vorkommen. Den Soldaten ging's wohl mehr darum, nicht mehr dem Hunger und der Willkür der jeweils anderen Soldateska ausgeliefert zu sein.
DAS BUCH: Rysuard Kapuscinski schildert seine Erlebnisse vor Ort, in den Tagen um die Unabhängigkeitserklärung. Er berichtet aus der Hauptstadt Luanda, deren Wasserversorgung immer wieder ausfällt, von der Front und der Fahrt dorthin - durch 500 km Niemandsland. Er berichtet von der Flucht der Portugiesen, dem verlassenen Viertel der Weißen. Die alltäglichen Widrigkeiten, die Schwierigkeit, überhaupt etwas über den Kriegsverlauf in Erfahrung zu bringen, das Leben der Einheimischen - all das schildert Kapuscinski sehr anschaulich und lebendig.
Während die Portugiesen Angola verlassen, wandelt sich der Bürgerkrieg zum internationalen Krieg. Natürlich vermeiden die USA und die UdSSR, zu direkten Kriegsgegnern zu werden.
Stattdessen geht zuerst Südafrika zu einer regelrechten Invasion über: Am 19. Oktober 1975 treten sie auf Seiten der UNITA in den Krieg ein, der professionellen und gut ausgestatteten Armee haben die Regierungstruppen der MPLA nichts entgegenzusetzen.
Ab dem 5. November 1975 wird die MPLA von kubanischen Verbänden unterstützt. Den Kubanern gelingt es, die Südafrikaner zu vertreiben und die UNITA weitgehend zu zerschlagen.
Kapuscinksi berichtet von diesen Ereignissen so, wie er sie damals vor Ort erlebt hat: Wie die Invasion begann, wie die portugiesischen Soldaten das Land verließen, wie die ersten Kubaner eintrafen. Und wie die Angolaner diese Tage erlebten, und er als Reporter mit ihnen.
Eine kurze Geschichte und Landeskunde Angolas schließen das Buch ab.
Angola wurde 1977 zu einer Diktatur unter A. A. Neto und seiner MPLA. Darüber, und was sonst bis zur Gegenwart noch so passierte, erfährt man nichts: Das Buch endet 1975, und obwohl es erst 1999 auf Deutsch erschien, hat der Verlag auf einen kurzen Anhang verzichtet. Es gibt auch keine Karten - leider.
Davon abgesehen, liefert Kapuscinski ein genaues, lebhaftes Bild davon, wie moderne "low-intensity" Kriege ablaufen: Wie sich Bürgerkriege vor Ort "anfühlen", wie das Leben der Menschen weiterverläuft, wie Chaos, Angst und Verwirrung um sich greifen. Seine Sympathien liegen klar auf Seiten der MPLA und der Kubaner - verständlich, wenn man bedenkt, daß er Reporter für eine Ostblock-Nachrichtenagentur war. Noch mehr liegen sie aber auf der Seite der Afrikaner - auch derer, die in die UNITA oder FNLA gepreßt wurden. Trotzdem würdigt er die Einheimischen (ob weiß, schwarz oder dazwischen) nicht zu "Opfern" herunter, macht eher beklommen und ratlos als auf billige Weise "betroffen".
Vieles, was Kapuscinski schildert, findet sich so ähnlich auch in Buchheims "Festung", aber auch in den besseren Berichten über die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien. "Wieder ein Tag Leben" besticht durch die Genauigkeit der Beobachtungen, seine Lebendigkeit und den Mangel an Beschönigungen.
Das Buch berichtet von einem vergessenen Krieg, in einem vergessenen Land, irgendwo südlich der Sahara. Menschen versuchten dort, von Tag zu Tag zu überleben, und es gelang ihnen nicht immer.
Kapuscinski schildert seine Erlebnisse aus diesen Tagen, den Alltag des Krieges - auf eine Weise und mit einer Genauigkeit, die sein Buch auch für diejenigen interessant macht, die sich sonst nicht für Afrika interessieren.
Lesenswert!