Die Vorstellung, dass sich im Menschen die Evolution ihrer selbst bewusst werde, ist mir aus den Kinderjahren meines philosophischen Interesses vertraut. Sie begegnete mir in den Büchern von Konrad Lorenz (Nicolai Hartmann zitierend) und in abgewandelter Form bei Carl Sagan. In dieser Tradition versucht Tom Amarque zu zeigen, dass das Ziel der Evolution darin liegt, sich über das menschliche Bewusstsein ihrer selbst bewusst zu werden und "das individuelle Bewusstsein lernen kann, auf der Welle der Evolution zum Wohle aller ,zu surfen'" (S. 19)
Hier geht es weniger um komplexe Bewusstseinstheorien (wie etwa bei Ken Wilber), sondern vielmehr um einen kurzgefassten und allgemeinverständlichen Abriss der bisher vollzogenen Bewusstseinsevolution sowie deren Relevanz für den Einzelnen. Amarque nimmt den Leser in mehreren Anläufen mit auf Reisen in Philosophie-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte, lässt aber kaum je Zweifel daran, dass er nicht von historischem Interesse getrieben ist, sondern an einem Beitrag zu einer neuen Bewusstseinskultur: Erst indem wir uns den evolutiven Charakter des Bewusstseins vergegenwärtigen ('bewusst machen') können wir unser eigentliches Potential erkennen und den ersten Schritt zu dessen Realisierung einleiten.
Der besondere Reiz des Buches liegt in der erfrischend positiven Darstellung der abendländischen Situation: Wo sich viele Zeitgenossen der eignen kulturellen Vergangenheit zu entledigen versuchen, um ihr Glück in der esoterischen Überlieferung fremder Kulturen zu versuchen, hebt Amarque die besondere Bedeutung der Entwicklung von Individualismus, Humanismus und Vernunftdenken hervor. Sogar die vielgescholtene Moderne kommt gut weg, hat sie doch am Ende dazu beigetragen die nötigen Voraussetzungen für ein wahrhaft aufgeklärtes Bewusstsein zu schaffen.
Dass soviel Affirmation vor dem Hintergrund globaler (Geistes-)Krisen auch kritische Gegenstimmen hervorrufen muss, kann man dem Autor nicht übelnehmen. Ebensowenig die Beschränkung auf eine überschaubare Zahl von Beispielen, mit denen der Autor seine Thesen zu belegen versucht. (Beispielsweise wird für die Entwicklung des modernen Individualitäts-Bewusstseins Abaelards Geschichte von Heloise als herausragendes kulturhistorisches Ereignis gefeiert, während Wolfram von Eschenbachs Parzival unerwähnt bleibt.)
200 Seiten reichen nicht für eine kritische Gesamtdarstellung, wohl aber für eine inspirierende Einführung in die heutigen Möglichkeiten der Erkundung von 'Innen'- und 'Außen'-Welt. Ein kleiner Ratgeber für die Hosentasche, für alle die sich nicht von der Agonie der Postmoderne anstecken lassen wollen, sondern nach einer praktischen Gebrauchsanleitung suchen, die uns eine Vorstellung davon gibt, wie man lernt auf der Welle der Evolution zu surfen.