Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Möglichkeiten, das Leben zu lieben, 4. September 2009
Der Titel des vierten Romans des Hamburger Schriftstellers Mirko Bonné ist mehrdeutig. Verschwinden? Wohin? Wer? Und warum? Verschwinden - ein Wort, das vielschichtig gedeutet werden kann. Davonlaufen, sich fortstehlen, abhanden kommen, nicht mehr vorhanden sein oder sich entfernen, sind nur ein paar Synonyme, die dazu einfallen. Und alle treffen sie mehr oder weniger auf die im Buch agierenden Personen und/oder deren Gefühle und Empfindungen zu.
Zudem scheint der Tod, das Sterben, ein alles verbindendes Element zu sein. Dies klingt ziemlich düster, schwarz und destruktiv. Aber nicht so Bonnés Erzählung. In seiner Grundstruktur ist "Wie wir verschwinden" ein durch und durch optimistischer Roman.
Gekränkt und verletzt ist auch der Ich-Erzähler Raymond Mercey, ein frühpensionierter 63-jähriger Witwer, der sich von einer Herzerkrankung erholt. Als er nach längerem Klinikaufenthalt zu Hause eintrifft, erwartet ihn ein Brief seines ehemaligen besten Freundes Maurice Ravoux, inzwischen Schriftsteller im letzten Stadium einer unheilbaren Lateralsklerose, der ihn nach "46 Herbste[n], 46 Winter[n] und eine[m] Jahrhundertsommer" um Verzeihung bittet. Doch Raymond, seit dem Tod seiner Frau Veronique apathisch und depressiv, kann nicht verzeihen.
Hervorgerufen wurde diese Verletzung durch einen Verrat. Gemeinsam hatten Maurice und Raymond die "Große Maschine des Verschwindens" gebaut - eine Draisine -, auf der sie aus ihrem engen Dorf Villeblin südöstlich von Paris fliehen wollten. Doch Maurice verrät ihr Geheimnis, zuerst der Jugendliebe von Raymond - Delphine, um sich dann mit jener ganz aus dem Staub zu machen. Für Raymond geht seine Kindheit an diesem verhängnisvollen Tag, dem 4. Januar 1960, zu Ende.
Verhängnisvoll ist auch der schwere Verkehrsunfall, der sich just in dem Moment ereignet, als die beiden Halbwüchsigen Villeblin den Rücken kehren wollen. Einer der beiden Unfalltoten ist derer beider Idol, der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus (dessen Freund- und Feindschaft zu Jean-Paul Sartre Analogien zu Maurice und Raymond aufweist). Sein Geist und sein berühmtes Werk "Mythos des Sisyphos" stehen über der Handlung des gesamten Romans. Maurice beginnt über den Vorfall einen Roman zu schreiben, dessen Entwurf er Raymond in seinem ersten Brief beilegt und der in den folgenden Korrespondenzen langsam Gestalt annimmt.
Mirko Bonnés Roman beginnt ganz leise und unspektakulär. Anfangs umkreist der Plot den Leser wie ein trudelnder Schmetterling. Es fehlt etwas klar Greifbares, Substantielles. Bonnés Stoff, seine Wesenheit, ist zunächst schwer fassbar und der Hintergrund diffus, die Zeit scheint nahezu gedehnt. Man weißt noch nicht, worum es eigentlich geht. Doch mit zunehmendem "Geschehen" bekommt die Handlung mehr und mehr Klarheit. Der Plot verdichtet sich und nimmt Gestalt an. Licht und Schatten gewinnen Konturen. Zunehmend kommt die "Maschine des Verschwindens", die so lange auf dem toten Gleis stand, in Fahrt. Und Schritt für Schritt gewinnt auch Raymonds Leben wieder an Struktur und Helligkeit. Nicht der Verlust des Lebens, sondern der Lebendigkeit ist das Schlimmste was einem passieren kann. "Wie wir verschwinden" setzt sich ganz nach Albert Camus mit der Frage auseinander, wie man die Liebe zum Leben erhalten kann.
Fazit:
"Wie wir verschwinden" ist der leise, aber intensive, unzeitgemäße Roman einer Freund- und Feindschaft im Gestern und im Heute. Angesiedelt in Frankreich ist auch sein gelassen erzählerischer Ton durch und durch französisch. Ein Buch von der Liebe und der Eifersucht, von Tod und Verlust, aber und vor allem vom Leben.
Der Roman ist einer von 20 Titeln, der für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das operierte Herz, 9. September 2009
Erst war ich skeptisch, wegen des kalten Umschlags und des etwas wabernden Titels. Aber schon bald hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen. Wie der altgewordene Witwer nach der Herzoperation menschlich wieder auftaut und sich, nach heftigem Sträuben, für eine neue Liebe öffnet, ist sehr subtil und amüsant erzählt. Die Todesstunde von Albert Camus ist meisterhaft in die Geschichte einer zerbrochenen Jungenfreundschaft hineingewoben. Ich habe den Roman nicht mehr aus der Hand legen können. Dabei ist es kein Schmöker, sondern gute Literatur. Wie allerdings dieses warme, einfühlsame Buch, dessen ganze Geschichte auf dem französischen Lande spielt, zu diesem kühlen Meer-Cover gekommen ist, bleibt mir ein Rätsel.
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5.0 von 5 Sternen
ans herz, 1. Februar 2010
Das Verschwinden ist leicht und schwer zugleich in diesem Roman, ebenso unausweichlich wie unmöglich, jenachdem. Menschen werden aus der Erinnerung gelöscht, tauchen wieder auf, müssen erneut dem Verschwinden überlassen werden. Dazwischen passiert so einiges, das die Protagonisten in existentielle Prozesse verwickelt und den Leser an dieses Buch fesselt. Die Lebenslinien einiger Menschen werden, mal kraftvoll, mal zart erzählt, ineinander verflochten: der sterbende Albert Camus im Wagen der Galimards, zwei entzweite Jugendfreunde, eine durch den Tod versehrte Familie, die Bewohner eines Dorfes.
Mirco Bonnés Roman liest sich spannend, ist anrührend ohne rührselig zu sein und nimmt den Leser gefangen von der ersten bis zur letzten Seite.
Geht ans Herz, wie gute Literatur es eben auch vermag.
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