Erstaunlicherweise hält sich unter Pädagogen das Interesse an neurologischen Erkenntnissen noch immer in Grenzen. Und wo es erwacht ist, liegt auf dem Nachttischchen meist eines der vielen Bücher von Manfred Spitzer. Zwar hat meine Begeisterung für den umtriebigen Herrn Spitzer seit seinem neusten Buch einen argen Dämpfer erhalten, aber bislang hält er seine wenigen Konkurrenten erfolgreich in Schach. Das liegt auch daran, dass er ein Meister anschaulicher Vorstellungsbilder ist und sich nicht scheut, klar Stellung zu beziehen, Praxistipps zu erteilen und Fünf auch Mal gerade sein zu lassen.
Während den Ausführungen Manfred Spitzers öfters die wissenschaftliche Beweisführung abhanden kommt, sind Sarah-Jayne Blakemore und Uta Fritz ebenso oft zu zögerlich. Zumindest für neurologische Laien, deren Selbstmotivation zur Beschäftigung mit Forschungsarbeiten darunter leiden kann. Die 1974 in Cambridge geborene Sarah-Jayne Blakemore arbeitet am Londoner Institut of Cognitive Neuroscience, das die dreissig Jahre ältere Uta Frith leitet. Beide Autorinnen gelten in ihren Fachbereichen als bekannte Grössen. Sowohl der deutsche Titel wie auch der englische „The Learning Brain. Lessons for Education“ wecken bei den Lesern hohe Erwartung. Davor möchte ich warnen. Denn im Buch finden sich nur wenige direkt umsetzbare Lektionen, Handlungsanweisungen oder Rezepte. Und dort wo auf solche hingewiesen wird, bleiben sie bruchstückhaft. Ausserdem fehlen - und das finde ich absolut ärgerlich – weiterführende Literaturhinweise. Nicht ein Buch irgendeines Kollegen oder einer Kollegin wird erwähnt. Habe ich in den letzten Jahren bei einem solchen Werk nie angetroffen.
Weshalb ich das Buch trotzdem empfehle und ihm vier Sterne verleihe, hat natürlich seine guten Gründe. Allen voran, die Autorinnen schreiben verständlich. Auch wenn die Übersetzerin für ihre Arbeit wohl kaum grosse Ehrungen erfahren wird. Das Buch ist aktuell. Es vermittelt Forschungsergebnisse, die erst in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Die beiden Wissenschaftlerinnen beziehen klar Stellung, wenn es um Pop-Psychologie geht. So ist mir jedes Buch willkommen, dass mit den unsäglichen Thesen vom linken und rechten Gehirn, vom weiblichen Spezialfall und vom Lernen im Schlaf aufräumt. Im Anhang findet sich noch ein ausführliches, für Laien ausserordentlich nützliches Glossar. Vom Register war ich weniger begeistert.
Mein Fazit: Als Alternative zu Manfred Spitzers manchmal zu saloppen Beweisführungen kann ich das Buch der beiden Engländerinnen sehr empfehlen. Wer sich als Einsteiger betrachtet, sollte nebst diesem Buch aber auch ein Werk von Antonio R. Damasio oder Gerhard Roth zu Gemüte führen, da diese beiden Autoren die Rolle des Unbewussten stärker betonen und erläutern.