Die Überschrift ist natürlich übertrieben. Oder zumindest zweideutig. Doch sie soll etwas Wesentliches auf den Punkt bringen. Was uns Matthias Horx auf fast 400 Seiten liefert, liest sich nicht in ein paar Stunden oder als Gutenachtlektüre. Zwar kommt der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Horx auch auf die knappen Güter „Aufmerksamkeit“ und „Zeit“ zu sprechen. Doch mit seinem Buch erinnert er mich an die Lehrer meiner Gymnasialzeit, als bei der Verteilung der Hausaufgaben jeder meinte, sein Fach sei das wichtigste und rechtfertige daher den Mehraufwand bei der Stoffverarbeitung. Immerhin zeugt das meist von einer persönlichen Begeisterung für die eigene Materie. Bei Matthias Horx ist das bestimmt der Fall. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass er bei seinen amerikanischen Kollegen abgeschaut hätte, wie sich so viel Inhalt noch leserfreundlicher vermitteln lässt. Kurz: die Form begeisterte mich weniger als der Inhalt.
Obwohl das Buch seit Februar 2006 auf dem Markt ist und viele meiner eigenen Themen betrifft, machte ich mich erst jetzt an die Lektüre. Den Ausschlag gab ein Live-Erlebnis. Von einer grossen Schweizer Bank eingeladen, referierte Matthias Horx darüber, welche Mega-Trends die Geschlechterfrage beeinflussen werden. Der Auftritt war super. Allerdings steuerte die klare, anschauliche und geraffte Präsentation auch meine Erwartungen an das Buch. Doch für Horx sind Bücher ganz offensichtlich andere Schauplätze, die andere Inszenierungen ermöglichen. In „Wie wir leben lernen“ geht er in die Tiefe. Und was er dort findet und ausgräbt, hat oft kulturgeschichtliche Dimensionen, auf die man sich einlassen muss. Davon zeugen auch die 13 Seiten Literaturverzeichnis und die 22 Seiten Anmerkungen. Da Matthias Horx nur bedingt daran glaubt, dass in ökonomischen Zahlenwüsten Brauchbares wächst, lenkt er seinen Blick auf Kulturelles, auf Alltägliches. Daher lauten die Kapitelüberschriften: Geburt, Lernen, Liebe, Arbeit, Wohlstand, Krieg und Katastrophe, Politik, Glaube, Das ganze Leben, Tod. Das Unterfangen von Matthias Horx erinnert mich an den aufklärerischen Versuch Diderots, das Weltwissen einzufangen. Was vor über 250 Jahren schon ein kühnes Unternehmen war, wird heute ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch lohnt sich der Versuch immer wieder. Das zeigt mir das Buch von Horx. Auch wenn er bei mir als Analytiker, Berichterstatter und Weissager besser ankommt als Geschichtenerzähler. Und wenn ihn die Stofffülle dazu veranlasste, die Leser bei Begriffsdefinitionen allein zu lassen, so hat dies kaum Folgen. Einzig wenn es um das Wort „Rational“ geht, habe ich das Gefühl, Horx weiche der unbequemen Erkenntnis aus, dass unser Verhalten zum grössten Teil vom Unbewussten gesteuert wird. Für Neurologen ist jedenfalls „rational“ und „ökonomisch“ definitiv nicht das gleiche. Das ist deshalb kein Detail, weil es künftig auch darum gehen wird, die Zeichensprachen des Unbewussten besser zu ergründen und anzuwenden.
Mein Fazit: Matthias Horx ist Optimist. Das ist er auch, weil er die Vergangenheit genau betrachtet, Ideologien als solche aufdeckt und der Evolution mehr zutraut als es die Kulturpessimisten tun. „Wie wir leben lernen“ ist ein Buch für alle, die sich auf die Zukunft freuen und ihre Freude gerne mit Fakten begründen möchten oder müssen. Und sich die Zeit nehmen, die Horx von seinen Lesern einfordert.