Die Heuristik oder die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen, ist eine junge Wissenschaft, für die sich heute Forscher aus den verschiedensten Disziplinen interessieren. Und seit dazu auch Neurowissenschaftler gehören, konnte bereits viel Spekulatives zu den Akten gelegt werden. Neurowissenschaften an der Columbia University und bei Eric Kandel studierte auch der 1981 geborene Jonah Lehrer. Und weil er zuvor in Oxford auch Literatur und Theologie studierte, überrascht es nicht, dass sein erstes Buch den Titel "Proust was a Neuroscientist" trägt. Entsprechend neugierig war ich, wie sich ein so junger und fachlich gut ausgerüsteter Autor dem schwierigen Thema von Vernunft und Intuition nähert.
Der größte Unterschied zum Buch von Gerd Gigerenzer "Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" liegt in der Verdichtung des Stoffs. Aber genau darin machen sich wohl das Alter und die Erfahrung eines Autors bemerkbar. Während Jonah Lehrer seinen Lesern erst im letzten Kapitel eine komprimierte Zusammenfassung bietet, kann Gigerenzer einen Rhythmus durchhalten, der von der Differenzierung zwischen Wesentlichem und Begleitendem lebt. Daher ist mir das Buch des deutschen Experten lieber. Zumal sein Text auch von Illustrationen und Bildern aufgelockert wird.
Wer die Ausführungen von Jonah Lehrer liest, muss die zentralen Thesen selbstständiger herausarbeiten, wird aber dafür mit vielen Beispielen und Geschichten entschädigt. Hat er jedoch schon Bekanntschaft mit "Natürliche Entscheidungsprozesse. Über die Quellen der Macht, die unsere Entscheidungen lenken" von Gary Klein geschlossen und Gigerenzer gelesen, wird er nicht mehr viel Neues erfahren. Eines dieser drei Bücher würde ich allerdings all jenen empfehlen, die sich noch immer gerne unkritisch und fast zwanghaft auf Platon oder Kant berufen, wenn Fragen der Vernunft im Raum stehen. Denn auch Philosophen müssen einsehen, dass sie nicht in einem Hause wohnen, das ohne Rennovationen und Umbauten die Jahrhunderte überdauern kann. Gerade wenn man sich auf Bücher wie das von Jonah Lehrer einlässt, wird schnell klar, dass es in den modernen Wissenschaften nicht mehr um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch geht.
Mein Fazit: Den Ruf eines neuen Starautors hat sich Jonah Lehrer wohl vor allem wegen seines Alters erworben. Denn es ist nicht so, dass er das Wechselspiel von Vernunft und Gefühl wie kein anderer vor ihm beschreibt. Da er aber mit Geschichten arbeitet und komplizierte Zusammenhänge anschaulich erklärt, empfehle ich seine Version gerne weiter. Am besten zusammen mit dem Buch von Gerd Gigerenzer.