In der Erinnerung Jay Macintoshs spielen drei Sommer seiner Schulzeit eine zentrale Rolle: Beim Besuch seiner Großeltern begegnet dem pubertätsgebeutelten Scheidungskind der ehemalige Minenarbeiter Joe, der Jay die Geheimnisse des Gärtnerns, Einkochens und der Obstweinherstellung beibringt. Auch ein wenig Voodoo-Magie ist dabei. Doch eines Tages verliert Jay den Glauben an den Zauber von Joe, die beiden verlieren sich aus den Augen und Jay macht aus seinen Erlebnissen einen Bestsellerroman. Joe ist spurlos verschwunden und hat für Jay lediglich eine Tüte mit Samen zurückgelassen...
Einige von Joes alten Obstweinen aus den verzauberten Sommern führen Jay bis nach Frankreich, wo er sich anschickt, an Joes Stelle dessen Traum von einem Weingut zu verwirklichen. Aus der Perspektive einer Weinflasche erzählt und mit zahlreichen Rückblenden in die einzigartigen, obstduftgeschwängerten Sommer bei Joe, hat "Wie wilder Wein" eine dichte, poetische Atmosphäre. Wir begegnen in Lansquenet-sous-Tannes einigen der Figuren aus Chocolat wieder, aber die Bücher lassen sich eigentlich nicht vergleichen. "Wie wilder Wein" ist komplexer, verschlungener und beobachtender. Unverändert geblieben ist jedoch Harris' Gabe, das sinnliche Erlebnis des Umgangs mit Nahrung zu vermitteln. Ein Lesegenuß... ich habe mir direkt nach der Lektüre übrigens einen Gärballon angeschafft, um meine eigenen "Spezialjahrgänge" herzustellen!