Ich habe Reinhard Meys Alben "Ich bin aus jenem Holze", "Mein Achtel Lorbeerblatt" und "Wie vor Jahr und Tag" immer als drei Teile einer klassisch zu nennenden Trilogie empfunden, die im vorliegenden Album ihren Höhepunkt und Abschluss findet; in den Folgejahren ließ die Qualität von Reinhard Meys Alben wieder nach. "Wie vor Jahr und Tag" hingegen ist und bleibt für mich Reinhard Meys absoluter Klassiker, nicht ein einziger Song fällt ab, und ich müsste lange überlegen, wann er wieder ein Studio-Album von derart hoher Qualität vorgelegt hat.
Die Arrangements auf Reinhard Meys Studioalben wirken oft wie Fremdkörper, die man seinen Liedern übergestülpt hat, und sie stellen einen wirklichen Wermutstropfen in seiner Karriere dar. Aber auf diesem Album (so wie auf den beiden genannten Vorgängern) sind sie inspiriert und richtig gut gelungen; hier kommt bei den beteiligten Musikern richtig vergnügte, fast schelmische Spielfreude rüber.
Ich kannte und mochte die Platte schon als Kind, aber erst als Erwachsener konnte ich in vollem Umfang ermessen, was Reinhard Mey hier geleistet hat. Dieses Album zeigt ihn auf der Höhe allein schon seiner sprachlichen Schaffenskraft: er hat es immer geschafft, einen unglaublich vielfältigen Wortwitz und Wortschatz so in seine Lieder zu integrieren, dass kein Reim aufgesetzt oder gewollt wirkt und sich selbst Begriffe wie "Luftaufsichtsbaracke" nahtlos in seine Texte einfügen. Zum Schreien finde ich bis heute, wie er mit Begriffen wie "Rücklaufkrümmer", "Doppelflansch" oder Wendungen wie "denn wenn dabei eine Bogenschelle bricht, reduziert sich oft die Druckmanschette nicht" "Klempnerlatein" kreiert, das man ihm beinahe als gegeben abkauft!
Man hat Mey oft vorgeworfen, er sei "zu nett" und tue niemandem weh; aber erstens denke ich, das ist auch keines Künstlers Pflicht, zweitens können die Zuhörer das Denken ja auch mal von selber anfangen, bevor es wehtut, und drittens vermeidet es Reinhard Mey fast durchgehend, predigerhaft zu wirken, was ich viel wirkungsvoller finde. Heute staune ich, dass das Album gleich mit vier "witzigen" Liedern beginnt, um danach nachdenklicher zu werden: seine bitterböse Satire auf Politiker ("Was kann schöner sein auf Erden..."), die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat, auf die Klempner ("Ich bin Klempner von Beruf") und impressionistische Theaterstücke der frühen Siebziger ("Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern") widerlegen die genannten Vorwürfe sowieso. "Susann" ist eine nette Satire auf den Versuch, der jeweiligen Mode hinterher zu rennen; einer der wenigen Fälle, in denen Mey eine Fremdkomposition adaptiert und bearbeitet hat.
Zum Schmunzeln sind Meys zahlreiche Zitate und Querverweise auf frühere Lieder, z.B. die Hinweise auf "Ich wollte immer schon ein Mannequin sein" und Fred Kasulzke in "Was kann schöner sein..." oder in "Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern" die Nennung von Frau Emma Pohl oder von Alfons Yondrascheck, der schon in "Ankomme Freitag, d. 13." kurz auftaucht und Mey als Komponisten-Name für "Gute Nacht, Freunde" diente.
Wie auf vielen seiner Platten, gibt es auch hier besinnliche Lieder über Tod und Vergänglichkeit: "Der alte Bär ist tot und sein Käfig leer", "Mein Testament", "Wie ein Baum, den man fällt", "Die Zeit des Gauklers ist vorbei" und "Es gibt keine Maikäfer mehr", wobei sich letzteres gleichzeitig bereits damals mit der drohenden Umweltzerstörung durch den Menschen beschäftigt. In "Aber deine Ruhe findest du trotz alledem nicht mehr" besingt Mey, wie auch in "Der alte Bär ist tot", selbstkritisch und damit doch gleichzeitig universell gültig eigene Schwächen und menschliche Unzulänglichkeiten wie Unzuverlässigkeit, Unverbindlichkeit, Verdrängung und das Von-sich-Schieben von Verantwortung.
Bleiben noch der Titelsong, den viele als weiteren Höhepunkt sehen, den ich aber immer als etwas schwülstig und schwerfällig empfand, und natürlich Reinhard Meys Über-Lied, seinen Klassiker "Über den Wolken" - wer kennt es nicht? Es fällt bei mir in die Kategorie Ich-kann-es-langsam-nicht-mehr-hören, dabei ist das Lied wirklich gut; nur vielleicht schon lange totgespielt, wofür natürlich weder Lied noch Komponist etwas können.
Bleibt nur unverständlich, warum Intercord seit 1987 die immer selbe(n) CD(s) auflegt, ohne sie zu remastern; damit tut sie ihrem Künstler keinen Gefallen. Schön, dass auch hier alle Texte abgedruckt sind, und etwas schade, dass man das Innenfoto der LP-Hülle bei der Gelegenheit nicht mit übernommen hat (das am selben Tag wie das Cover für seinen Sampler "Alles, was ich habe" entstand). Wer die meisten der hier enthaltenen Lieder gerne hören möchte, so wie Reinhard Mey sie schrieb, "unplugged" sozusagen, dem sei wärmstens sein Live-Album "20.00 Uhr" aus demselben Jahr ans Herz gelegt.