Neue Zürcher Zeitung
Peter Singer wirbt für Weltverbesserung
Fünf Tage in der Woche, elf Monate im Jahr seien viele seiner Kollegen an der New York University für eine Stunde mit ihrem Analytiker verabredet gewesen, erzählt Peter Singer in seinem Buch «Wie sollen wir leben?». «Ich hätte sie am liebsten am Kragen gepackt und durchgeschüttelt.»
Am Kragen packen und durchrütteln: an dieser doppelten Handbewegung sind Menschen mit dringendem Anliegen sofort zu erkennen. Singers Anliegen ist es, die Leiden in der Welt zu vermindern, und zwar die aller Leidtragenden. Mit dem Buch «Animal Liberation», das von der «Gewaltherrschaft des Menschen über die Tiere» handelt, wurde Singer in den siebziger Jahren zu dem weltweit wohl wichtigsten Theoretiker der Tierrechtsbewegung. Schmerz und Leiden, so führt der Utilitarist Singer aus, sollten ohne Ansehen der Rasse, des Geschlechts oder der Gattung des leidenden Wesens vermindert werden. Das rücksichtslose Schlachten und Peinigen von Tieren, dessen sich die Menschheit schuldig mache, folge aus einer Parteilichkeit zugunsten der eigenen Spezies, die moralisch ebenso verwerflich sei wie der Rassismus. Vegetarische Lebensweise sollte daher für Singer nicht (oder nicht in erster Linie) aus der Sorge um die eigene Gesundheit entspringen, sondern aus dem Bewusstsein moralischer Verantwortung.
Die Kehrseite des Tierbefreiungsarguments bilden Singers medizinethische Stellungnahmen, bei denen für viele der Spass aufhört. Sein «Antispeziesismus» führt zu permanenten Beleidigungen des moralischen Gefühls. In seinem philosophischen Hauptwerk, der «Praktischen Ethik», erschreckt er sein Publikum mit der Folgerung, das Leben eines Neugeborenen habe weniger Wert als das Leben eines Schweins. Sie ergibt sich aus der konsequenten Durchführung des utilitaristischen Grundsatzes, allein die Fähigkeit zu leiden (nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gattung) bestimme den Wert des Lebens.
Auch Kindstötung ist für ihn kein Tabu. Zwischen geistesgestörten Menschen und höher entwickelten Säugetieren besteht laut Singer kein moralisch relevanter Unterschied. Viele haben daher gemeint, er ziehe das Lebensrecht geistig Behinderter in Zweifel. Doch Singer will wie er beteuert nicht den moralischen Status geistesgestörter Menschen verschlechtern, sondern den der Tiere verbessern. Paradox gesagt, verlangt er von den Menschen, dass sie die Tiere humaner behandeln sollen, als sie es unter der Apartheidsregelung des jüdisch-christlichen Speziesismus gewohnt sind.
Singer gehört zu der Sorte von Menschen, die man als sie noch häufiger anzutreffen waren gerne bittersüss «Weltverbesserer» nannte. Er will in seinen Büchern immer auf etwas hinaus, was ihm wichtiger scheint als alle Bücher. Sein Beitrag zu der Frage, wie man leben solle, bleibt diesem Antrieb verbunden und behauptet die Harmonie zwischen politisch-moralischem Krisenbewusstsein und persönlicher Selbstverwirklichung.
Der Sinn des Lebens besteht für ihn darin, nicht vor der Grösse der Aufgabe zu kapitulieren, die das ubiquitäre Leiden dem Menschen stellt. Depressiv mache der Gedanke an diese Aufgabe nur die Ausweicher und Weitermacher. Wer dagegen eine Lebensform wähle, die sich im Bewusstsein der globalen Skandale Hunger, Folter, Unterdrückung formiere, sei mit Lebenssinn ausreichend versorgt.
Zu den betrüblichen Tatsachen, von denen Singer in «Wie sollen wir leben?» ausgeht, gehört nicht allein, dass die moderne Welt ein Gewebe vermeidbarer Leiden bildet. Vielmehr empört ihn, dass der rücksichtslose Ressourcenverbrauch die Menschen im Westen noch nicht einmal glücklicher gemacht habe. Die Gesellschaft, in der alle immer nur fragten, was für sie selbst dabei herauskomme, sei glücksökonomisch am Ende. Ein sinnerfülltes Leben kann nach Singer nur führen, wer sich «einer Sache verpflichtet, die grösser ist als das eigene Ich».
Sachen, die bedeutender zu sein beanspruchen als das eigene Ich, gibt es viele. Doch nur das ethisch gerechtfertigte und geforderte Anliegen ist laut Singer krisensicher. Wer moralisch lebe, lege sein Vernunftvermögen sicher an. «Je mehr wir über unser Engagement für einen Fussballverein, eine Firma oder sonst ein beschränktes Interesse nachdenken, desto weniger Sinn werden wir wahrscheinlich darin erkennen. Im Gegensatz dazu wird noch soviel Nachdenken die Entscheidung für ein ethisches Leben niemals als trivial oder sinnlos erscheinen lassen.» Zu erwähnen, dass auch die engagierte Existenz vor depressiven Einbrüchen und Schlussstrichen nicht sicher ist, hält Singers werbende Schrift nicht für opportun.
Anknüpfend an Max Weber, erklärt sie die egoistische Gesinnung westlicher Individuen für eine Reformationswirkung. Keineswegs sei Egoismus wie Singer anhand von Beispielen zwischen Japan und Yad Vashem umständlich entwickelt eine übermächtige und stets sich durchsetzende Anlage. Erst die puritanische Verbrämung des Gelderwerbs habe die Herrschaft des Eigennutzes ins Werk gesetzt und das Leben in die Falle einer inneren Leere geführt. Der inneren Zerstörung der Menschen entspreche die äussere der Natur. Doch sei es möglich, dieser Entwicklung höchstpersönlich zu widerstehen.
Den Einwand, dass es nichts ändern werde, wenn man selbst auf ein saturiertes Leben verzichte, hält er für eine Ausflucht. «Jeder Mensch kann Teil der kritischen Masse werden, die uns eine Aussicht bietet, die Welt zu verbessern, ehe es zu spät ist. Wenn Ihre heutige Lebensweise einer unparteiischen Bewertung nicht standhält, können Sie sie ändern. Das kann bedeuten, den Beruf aufzugeben, das Haus zu verkaufen und nach Indien zu gehen, um für eine Hilfsorganisation zu arbeiten.»
Michael Schefczyk -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Besonderer Vorzug: Es geht um praktische Ethik, das heißt um Anregungen zur geglückten Lebensführung, Anleitungen zum Glücklichsein undnicht um Moral im Sinne der Befolgung ideologisch gefärbter Regelkataloge." (Badisches Tagblatt)
"Singer geht es um mehr als diese 'betriebswirtschaftliche' Dimension der Ethik. Ethisch leben heißt für ihn: 'öber Dinge nachdenken, di e jenseits des eigenen Interesses liegen.'" (Neues Deutschland)
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.