Der Mann sprang auf die Füße, zog unbeholfen seine Pistole, spannte den Hahn und zielte. Dabei stieß er mit seinen stämmigen Oberschenkeln gegen die Tischkante und brachte die gefüllten Gläser zum Schwingen. Eines kippte um. Eine Zigarre rollte vom Aschenbecher und brannte ein kleines Loch in die grüne Filzoberfläche.
Jake Langston seufzte müde. In ein paar Stunden fuhr sein Zug. Er war hierhergekommen, um sich die Zeit bis dahin zu vertreiben. Mit einem oder zwei Spielchen Poker, einem oder zwei Whisky, vielleicht einer oder zwei zufriedenstellenden Nummern in einem der Betten oben. Statt dessen war er in einen Streit mit einem Rübenbauern namens Kermit geraten, dem er nur wünschen konnte, daß er mit dem Pflug geschickter umging als mit der Waffe.
»Sie nennen mich einen Betrüger?« fragte der Farmer. Er war nicht mehr allzu nüchtern, da er es nicht gewohnt war, mehr als ein Bier zu trinken. Er schwankte wie ein Matrose bei rauher See hin und her, obwohl seine Füße fest auf der Erde standen. Sein bulliges Gesicht war schweißüberströmt und erhitzt. Die Pistole, die direkt auf Jakes Brust zielte, zitterte in seiner unsicheren Hand.
»Ich habe nur gesagt, daß ich lieber die ganzen Asse, die Sie im Ärmel haben, auf einmal sehen würde, als sie bei jedem zweiten Spiel auftauchen zu sehen.« Mit aufreizender Lässigkeit griff Jake mit seiner Rechten, seiner Schußhand, nach dem Whiskyglas und nahm genüßlich einen Schluck.
Der Farmer blickte sich nervös in der Bar um. Plötzlich war ihm bewußt geworden, welches Schauspiel er bot. Niemand sonst in dem höhlenartigen Raum bewegte sich. Die Musik war beim ersten Anzeichen von Krawall verstummt. Die anderen Spieler am Pokertisch hatten sich vorsichtig zurückgezogen, wie die Wellen, die entstehen, wenn ein Stein in einen ruhigen See geworfen wird.
Der Mann gab sich alle Mühe, einschüchternd zu wirken. »Sie sind ein Lügner! Ich habe nicht betrogen. Ziehen Sie doch.«
»In Ordnung.«
Es ging alles so schnell, daß hinterher nur diejenigen, die direkt daneben gestanden hatten, bezeugen konnten, was tatsächlich passiert war. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung erhob Jake sich von seinem Stuhl, zog seine Waffe, holte mit der anderen Hand weit aus und lenkte den Arm des Farmers ab, so daß dessen Pistole nutzlos zu Boden knallte.
Kermits Adamsapfel zog sich in die Länge, ein Kloß schieren Entsetzens saß ihm im Hals. Er blickte in Augen, die so kalt und hart waren wie Eiszapfen, die nach einem eisigen Nordwind im Januar an der Dachrinne hängen. Sie waren viel furchteinflößender als die Mündung der Pistole, die auf seine Nasenspitze zielte. Er stand jemandem gegenüber, der zwanzig Kilo leichter war als er selbst, aber durch seine eiserne Selbstbeherrschung trotzdem bedrohlich wirkte.
»Nehmen Sie sich die Hälfte des Gewinns, den Sie dort aufgehäuft haben. Ich nehme an, soviel haben Sie ehrlich gewonnen.«
Zitternd stopfte sich der Farmer die Münzen und Geldscheine in seine Hosentaschen. Er verfiel in die hektische Raserei eines Fuchses, der bereit ist, sich die Pfoten abzubeißen, um einer Falle zu entrinnen.
»Und jetzt heben Sie Ihre Waffe ganz vorsichtig auf und verschwinden von hier.«
Kermit gehorchte. Nur durch ein Wunder ging seine Pistole nicht los, als er mit zitternden Händen den Abzugshahn entspannte und sie wieder ins Pistolenhalfter steckte.
»Und ich rate Ihnen, nicht wiederzukommen, bis Sie betrügen können, ohne erwischt zu werden.«
Der Farmer fühlte sich erniedrigt, aber er war erleichtert, daß sein Herz noch schlug, daß er nicht aus einer Schußwunde blutete und daß er nicht ohne einen Pfennig zu seiner ewig nörgelnden Frau zurückkehren mußte. Er ging und schwor sich, nie wiederzukommen.
Kaum hatte er den Raum verlassen, fuhr der Klavierspieler fort mit seinem fröhlichen Geklimper. Die übrigen Kunden der Spielhalle kehrten an ihre Tische zurück und schüttelten amüsiert den Kopf. Zigarren, die in Aschenbechern liegen gelassen worden waren, wurden wieder angezündet. Der Barmann machte sich sofort daran, die Gläser wieder zu füllen.
»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte Jake freundlich zu den anderen Spielern, während er seinen eigenen Gewinn einstrich. Er deutete auf den Geldhaufen, den der Farmer auf dem Tisch liegengelassen hatte, und sagte: »Das könnt ihr euch teilen.«
»Danke, Jake.«
»Bis bald.«
»Weil er auf dich angelegt hat, hättest du ihn umbringen können.«
»Verdammt noch mal, das hättest du tun können! Wir hätten dich unterstützt.«
»Gottverdammtes Bauernpack!«
Unbeeindruckt zuckte Jake mit den Achseln und wandte sich ab. Sollten sie reden. Er nahm eine schlanke Zigarre aus seiner Hemdentasche, biß das Ende ab und spuckte es auf den Boden. Mit dem Daumennagel riß er ein Streichholz an und zündete sich seine Zigarre an, während er sich durch die Tische zur Bar aus Eichenholz schlängelte. Die Theke erstreckte sich über die ganze Länge des Raumes. Gerüchten zufolge war sie stückweise von St. Louis nach Fort Worth verschifft und später wieder zusammengesetzt worden. Sie war mit prachtvoller Schnitzerei verziert und mit Spiegeln bedeckt. Reihen von Flaschen und polierten Gläsern zogen sich auf ihr entlang. Die Besitzerin duldete kein Staubkörnchen darauf.
Spucknäpfe aus Messing befanden sich an strategisch günstigen Punkten entlang des Messinggeländers der Bar. In Priscilla Watkins' Garten Eden war es nicht erlaubt, auf den Boden zu spucken. Handgeschriebene Schilder, die in Abständen von zwei Metern an der Bar angebracht waren, wiesen darauf hin.
Jake grinste. Der Boden, der auf Hochglanz poliert war, war jetzt von seiner Zigarrenspitze entweiht worden. Es bereitete ihm auch ein perverses Vergnügen, mit seinen Sporen die glänzende Oberfläche, auf die die Besitzerin dieses Etablissements so stolz war, zu verkratzen.
Priscilla. Gerade als er an sie dachte, erblickte er sie auf der untersten Stufe der geschwungenen Treppe. Sie sah so prächtig aus wie die Königin von Saba. Gekleidet in leuchtendroten Satin, der mit schwarzer Spitze abgesetzt war, wäre sie jedem Mann ins Auge gefallen. Das hatte sie schon immer getan. Als Jake ihr vor fast zwanzig Jahren das erste Mal begegnet war, hatte sie verwaschene Baumwolle getragen. Aber selbst darin hatte sie den Männern die Köpfe verdreht.
Ihr aschblondes Haar hatte sie hoch aufgesteckt, verziert mit einer purpurroten Straußenfeder, die sich an ihre Wange schmiegte und mit einem baumelnden Ohrring flirtete. Ihr Kopf war in königlicher Pose geneigt.
Dieses Bordell war ihr Reich. Sie herrschte dort wie eine Despotin. Wenn es Kunden oder Angestellten nicht gefiel, wie sie die Dinge handhabte, wurden sie kurzerhand vor die Tür gesetzt. Aber jeder in Texas wußte, daß der Garten Eden in Fort Worth im Jahre 1890 das beste Bordell im ganzen Staate war. Priscilla streckte ihren mit einem Satinslipper bekleideten Fuß aus und trat von der untersten Stufe herunter. Stolz schritt sie zur Bar und verströmte hinter sich einen Moschusduft, der aus Paris importiert worden war. Jake führte sein Whiskyglas zum Mund.
»Sie haben mich gerade einen Kunden gekostet, Mr. Langston.«
Jake wandte nicht den Kopf. Statt dessen nickte er dem Barmann zu, ihm noch mal einzuschenken. »Ich glaube, du kannst es dir leisten, ein oder zwei zu verlieren, Pris.«
Daß er sie so nannte, irritierte sie. Dies bereitete ihm genau-soviel Vergnügen, wie den Boden ihres Saloons zu verkratzen. Nur ein alter Freund wie Jake kam bei ihr mit so etwas ungeschoren davon.
Waren sie Freunde? Oder Feinde? Sie war sich nie ganz sicher.
»Wie ist es nur möglich, daß monatelang alles glattgeht, aber sobald du auftauchst, gibt es Schwierigkeiten?«
»Ach ja?«
»So ist es jedes Mal.«
»Dieser Rübenbauer hat auf mich gezielt! Was hast du denn erwartet, was ich tun würde? Die andere Wange hinhalten?« »Du hast ihn provoziert.« »Er hat betrogen.«
»Ich kann keine weiteren Schwierigkeiten gebrauchen. Der Sheriff ist diese Woche schon...
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.