Einar Már Gudmundsson, 1954 in Reykjavik geboren, studierte Komparatistik
und Geschichte. Er, lebt heute in Reykjavík, ist verheiratet und hat
fünf Kinder. Seine ersten Veröffentlichungen waren Lyrikbände, 1982
kam dann sein erster Roman Riddarar hringstigans heraus (dt. als "Die
Ritter der runden Treppe" erstmals 1988). Es folgten acht weitere Romane,
von denen Englar alheimsins von 1993 ("Engel des Universums",
1998; ein großer internationaler Erfolg, Literaturpreis des Nordischen
Rates 1995) und Fótspor á himnum von 1997 ("Fußspuren am Himmel",
2001) ins Deutsche übersetzt wurden. Neben Gedichten und Romanen
schrieb Einar Már u.a. auch Kurzgeschichten, Kinderbücher und die
Drehbücher zu den Filmen Bíódagar ("Kinotage"), Börn náttúrunnar
("Children of Nature") und Englar alheimsins ("Engel des Universums").
Sein jüngstes Buch erschien im vorigen Jahr und dem Titel "Hvíta bókin"
("Das Weißbuch") und liegt nun bereits in Deutsch vor. Es ist kein
Roman und auch kaum bloß informierendes Sachbuch, sondern passt am
besten in ein Muster, für das man in Schweden das Wort "Debattbok"
geprägt hat und steht für ein Sachprosa-Buch, das meist eine aktuelle
Frage diskutiert (z.B. aus dem Bereich der Politik oder der Gesellschaft).
Typisch für diese "Debattenbücher" ist, dass sie aus einer ganz bestimmten
Sicht heraus geschrieben sind. Die Debatte, um die es hier geht, ist
natürlich die Krise, die zu einem Fast-Bankrott Islands geführt hat. Einar
Már hat dazu eine dezidierte und sehr persönliche Meinung, die er - wie
auch als einer der Anführer der "Kochtopf-Revolution" - in aller Schärfe
zum Ausdruck bringt. Er rekapituliert noch einmal die wichtigsten Ereignisse,
die zu Islands Ruin geführt haben, ergänzt sie durch weiter zurückreichenden
persönliche Erinnerungen, Anekdoten und eigene Gedichten
und liefert vor allem eine gnadenlose Abrechnung mit den nach seiner
Meinung für die Misere verantwortlichen Personen und Institutionen,
denen er Ignoranz, Gier, Hybris und völlige Verantwortungslosigigkeit
vorwirft. Hier werden weder die isländischen Politiker aller Parteien,
die ihren Freunden den Reichtum des Volkes geschenkt hätten, noch die
Bänker und Unternehmer geschont. Dabei scheut er sich nicht, Personen
mit Namen zu nennen, die bisher zu den Spitzen der politischen und wirtschaftlichen
Klasse gehörten. Auch internationale Akteure wie die EU,
die britische Regierung oder der IWF finden sich auf der Anklagebank.
Einar Már fordert nichts weniger einen Systemwechsel, eine Revolution
der isländischen Bevölkerung, die das Ruder selbst in die Hand nehmen
und die Drahtzieher zur Rechenschaft ziehen soll. Erste Erfolge in diesem
Sinne sind ja inzwischen eingetreten durch den Rücktritt der Regierung,
die Volksabstimmung über den Icesafe-Vertrag, den Untersuchungsausschuss
u.a.
Einar Márs Buch zeugt von einer unbändigen Wut auf die Schuldigen,
aber auch von großer Liebe zu Island und von Zuversicht in die Fähigkeiten
seiner Bürger. Es hat durchaus auch dichterische Qualitäten und
dürfte wohl keinen Leser unberührt lassen, ob er nun allen Thesen und
Urteilen des Autors zustimmen kann oder nicht.
Gert Kreutzer