Kinder trauern. Kindern trauern anders als Erwachsene - und ähnlich wie Erwachsene. Gerade die Erwachsenen haben eine große Verantwortung für trauernde Kinder. Dieses Buch hilft beiden, Kindern und Erwachsenen, auf sensible und klare Weise.
Das Buch hat zwei Teile. Im ersten, weit umfangreicheren Teil, spricht Roland Kachler die Kinder selbst an, mit Geschichten rund um Abschied, Tod und Trauer, ergänzt um Informationen und Impulse zum Weiterdenken und -handeln. Im zweiten, komprimierten Teil gibt er Erwachsenen, insbesondere Eltern, wertvolle Hinweise auf das kindliche Trauern und die Möglichkeiten der Begleitung.
In allen Teilen zeigt Kachler, dass er aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen kann. Da ist alles nah am wirklich Erlebten. Die Struktur geht den Weg vom eher allgemeinen Trauern (die Oma erzählt vom Tod des Opas vor vielen Jahren) bis zu tragischen Schicksalsschlägen wie den Tod eines Elternteils. Am Ende des erste Teils für die Kinder steht eine anrührende Geschichte "Die Hoffnung auf ein Wiedersehen". Es sind oft die Kleinigkeiten, die wichtige Inhalte transportieren, in der letzten Geschichte etwa ein Schmetterling, der an die Seele des Verstorbenen erinnert, wie ein Wink aus einer andern Welt. Nicht zufällig, denn der Schmetterling gilt als uraltes, auch christliches Symbol für die Seele (das griechische Wort "Psyche" bedeutet "Seele, Hauch, Schmetterling").
Der Schmetterling ist nur ein Beispiel für viele "tragende Bilder aus dem christlichen Glauben", die Kachler "für die Bewältigung der Trauer zur Verfügung stellen möchte". Im christlichen Glauben hat der Autor seinen Standpunkt, den er auch bewusst vertritt. Auf Seite 32 etwa: "Manche Menschen sagen, dass mit dem Tod alles aus ist und es danach nicht weitergeht. Ich finde, dass diese Meinung sehr trostlos ist. Deshalb ist es besser zu glauben, dass mit dem Tod nicht alles aus ist." Dennoch ist das Buch durch eine große Offenheit und Weite geprägt und keineswegs eng auf bestimmte Anschauungen fixiert. Im Gegenteil. Auch wenn er am Anfang noch distanziert schreibt "Die Christen glauben", im letzten Kapitel dann "Wir (!) Christen glauben".
Die Geschichten eignen sich sehr gut zum selber Lesen (ab ca. 3. Klasse), sie sind aber auch zum Vorlesen in Familie oder Unterricht oder für die Trauerbegleitung verschiedener Altersstufen ab ca. fünf Jahren sehr gut brauchbar. Nicht zuletzt für die Erwachsenen selbst, um sich tiefer in die kindliche Seele einfühlen zu können.
Im zweiten Teil stellt der Autor seine Absicht hinter seinem Buch dar und gibt den Erwachsenen Anregungen und Tipps für den Umgang mit kindlicher Trauer (S. 131ff). Von daher sollten Erwachsene dort anfangen zu lesen.
Sehr hilfreich finde ich den Abschnitt "Wie Kinder ihre Trauer erleben und bewältigen". Kachler erläutert, wie die Kinder im Grundschulalter "in ihrem Verständnis des Sterbens und des Todes in eine neue, wichtige Entwicklungsphase" kommen. So verstehen sie allmählich "die Endgültigkeit des Todes, der Verstorbene kehrt nicht wieder." "Sie begreifen, dass jeder sterben kann, auch die Eltern und Geschwister", was zu Verlustängsten führen kann. Kinder fragen interessiert nach, "was beim Sterben geschieht", denn sie haben ein hohes Sachinteresse und suchen nach Ursache und Wirkung. Die "Seele" wird erkannt und bedacht. Allen Kindern gleich ist das hohe Bedürfnis nach Sicherheit.
Prägnante, brauchbare Anregungen folgen aus diesen Beobachtungen, zum Beispiel, dass klare Informationen nötig sind, einfach und konkret - auch über das Weiterleben nach dem Tod. Und "Erlaubnisse" spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel die Erlaubnis, auch Wut zu haben in der Trauer.
Kinder ab ca. 10 Jahren entwickeln allmählich eine differenziertere Gefühlswelt, "ihr Bedürfnis nach genauer Information nimmt zu; die Meinung von Freunden und Medien wird zunehmend wichtiger für sie". Auch wächst die persönliche, individuelle Betroffenheit. Die Gefühlswelt nähert sich der Gefühlswelt der Erwachsenen an, deren Antworten inzwischen auch kritisch beleuchtet werden.
Aber für alle Kinder gilt: sie drücken ihre Gefühle vorwiegend indirekt aus. Deshalb müssen Erwachsene besonders sensibel die Signale wahrnehmen und die Andeutungen verstehen lernen. "Nervosität, Gereiztheit, unterschwelliger Aggressivität, Rückzug oder Leistungsverweigerung" sind dabei Verhaltensformen, die in der Regel vollkommen normal sind. Die Kinder suchen dann im Erwachsenen Verlässlichkeit und einen offenen Gesprächspartner.
Mit gezielten Vorschlägen, wie Erwachsene trauernde Kinder auf ihrem Trauerweg begleiten können, endet das Buch. Sie sind eine wirkliche, ganz konkrete Hilfe für alle, die mit trauernden Kindern leben oder arbeiten. Auch Warnungen fehlen nicht, wofür ich besonders dankbar bin - zum Beispiel dass Kinder nicht die Aufgabe haben, ihre Eltern zu trösten, und dass Eltern zwar ihre eigene Trauer offen zeigen sollen, mit ihr aber nicht ihre Kinder belasten. SIE sind die Erwachsenen. Oder auch wie durch zu hartnäckiges Nachfragen Kinder unter Druck gesetzt werden könnten.
Durch die konkreten Hinweise, ebenso wie durch die empathischen Geschichten, die das kindliche Erleben begreifbar machen, gewinnen die Erwachsenen Verhaltenssicherheit, die den Kindern gut tun wird. Ich persönlich finde deshalb das Buch ausgesprochen gelungen (allenfalls ein paar wenige Sätze in den Erzählungen wirken zu "beabsichtigt").
In diesem Buch wendet Roland Kachler seinen neuen Ansatz in der Trauerarbeit (
Meine Trauer wird dich finden!: Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit, dort auch die Deutung des erwähnten Schmetterlings) auf die Situation von Kindern ab ca. fünf/sechs Jahren an, vertieft mit viel Erfahrung aus der eigenen therapeutischen Praxis mit unzähligen Kindern. Das Buch hat als Zielgruppe Kinder des entsprechenden Alters, dazu vor allem deren Eltern, darüber hinaus aber auch Pädagogen und Trauerbegleiter, seien das Seelsorger, Bestatter oder Therapeuten.