Das erste Hörspiel, dem ich als Kind an nun unserem Radioempfänger lauschte, war der Bericht von der Suche des Reporters Henry Morton Stanley nach dem im afrikanischen Dschungel verschwundenen weltberühmten Entdecker David Livingstone. Er hat ihn bekanntlich 1873 am Tanganjikasee gefunden und ihn mit den Unsterblichen Worten "Dr.Livingstone, I presume?" begrüßt.
Vierzig Jahre später habe ich auf Sansibar noch einmal Stanleys berühmtestes Buch "Wie ich Livingstone fand" gelesen. Ich saß bei der Lektüre vor einem Whiskey im Afrikahouse von Sansibar Town und sah vor meinem inneren Auge die alten Zeiten Sansibars wieder entstehen, als die Insel nicht nur der größte Sklavenmarkt des indischen Ozeans sondern auch der Startpunkt aller europäischen Entdeckungsreisenden in das Innere Afrikas war. Hier in Sansibar stellte auch Stanley seine Suchexpedition zusammen. Als er Geld brauchte und einen indischen Bankier kontaktierte, bemerkt er trocken. "Das Geld fließt dem indischen Händler so natürlich in die Taschen wie Wasser von Höhen hinab, und nie werden Gewissensbisse ihn daran hindern, seinen Mitmenschen zu betrügen." Auf seiner Suche nach geeigneten Trägern für seine Expedition macht er eine überraschende Entdeckung. "Für einen weißen Fremdling, der im Begriff steht, ins Innere Afrikas zu gehen, ist ein Rundgang durch Sansibar höchst interessant", notiert Stanley. "Denn hier lernt man erst, dass man zugeben muss, dass die Neger Menschen sind wie wir -- nur eben mit einer anderen Farbe." Wie rau die Sitten damals waren, erkennt der Leser daran, dass Stanley viele der Träger eben deswegen in seine Dienste nimmt, weil sie an den früheren Expeditionen von Burton und Speke teilgenommen hatten. Woran erkannte er das? An den Zahnlücken, die ihnen der jähzornige Speke geschlagen hatte. Dass es jedenfalls einer harten Hand bedurfte, eine Expedition zu führen, zeigt dann der weitere Verlauf des Buches. Es wird gestreikt, geklaut, geprügelt, geklagt, ehe Stanley schließlich am Tanganjikasee eintrifft und dort den schon reichlich erschöpften Livingstone trifft.
Bei meiner zweiten Lektüre fand ich die Geschichte nicht mehr ganz so packend wie in meinen Kindertagen, aber ich denke, dass das den meisten Lesern so geht. Seinen besonderen Reiz entfaltet Stanleys Reisebuch am ehesten wohl noch im Rahmen einer Sansibar- oder Tansaniareise. Unbedingt dazu empfehlenswert: die Reisetagebücher der letzten Reise Livingstones zwischen 1866 bis 1873 ( siehe Rezension ebendort).