Ich bin großer Brunettifan und lese jedes Buch aus dieser Reihe - egal wie schlecht die Kritiken vorher ausfallen. Laut vieler Rezensionen sollte der fünfzenhte und bisher aktuellste auch der langweiligste Fall von Commissario Brunetti sein. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen, da die Qualität der Geschichten im Laufe der Zeit tatsächlich etwas abgenommen hatte und schon der vierzehnte Fall (Blutige Steine) mich nicht unbedingt vom Hocker gehauen hat.
Ich musste das Buch natürlich trotzdem lesen.
Es ist kein an sich schlechtes Buch. Aber es ist ein vergleichsweise "ruhiges". Man könnte auch "langweilig" sagen, aber Brunetti-Romane sind für mich einfach nie langweilig. Ein Mord, den es aufzuklären gilt, passiert dann "endlich" nach fast zwei Dritteln des Buches, was bei 340 Seiten Gesamtumfang schon sehr weit hinten ist. Vorher ermittelt Brunetti ein bisschen hier und ein bisschen dort, er isst gut und gerne zu Mittag und streift durch Venedig. Das ist zugegeben nicht eben spannend, und auch der "Fall" an sich, die Ermittlungen vor dem Mord aus eher privatem Interesse des Kommissars, strotzden nicht eben vor Spannung oder Esprit.
Das Buch war für mich ein nettes Wiedersehen mit meinem literarischen Lieblingskommissar, aber mehr leider auch nicht. Es ist schade, dass Frau Leon nicht wirklich das rüberbringt, was ihre Romane normalerweise ausmacht. Ich vermisse Signorina Elettra, die in diesem 15. Band zur profanen Nebenfigur verkommen ist, ich vermisse Brunettis Auflehnen und Trotzen gegen Vice Questore Patta, ich vermisse Ispettore Vianello, dem in diesem Band ein ähnliches Schicksal zuteil wurde wie Elettra. Ich vermisse so vieles, was diese Bücher sonst so lesenswert macht. Ich habe 15 Brunetti-Bücher gelesen, einige mehrmals. In diesem fünfzehnten war mir auf einmal alles fremd.
Von dem Fall mal ganz zu schweigen, der nun wirklich nicht eben spannend erzählt wurde. Es plätschert alles so dahin. Lustlos und lieblos, sowohl die Erzählweise als auch die Handlungen der Romanfiguren. Am schlimmsten war die Auflösung. Das passierte auf den letzten paar Seiten und war so hanebüchen, dass mans kaum glauben will. Als hätte Frau Leon plötzlich keine Zeit mehr gehabt, weiterzuschreiben.
Ich glaube, dieses Buch kann man nur als Kenner und Liebhaber der Brunettireihe noch halbwegs mögen oder sagen wir: verzeihen. Wer vorher keine Bücher aus deiser Reihe kennt, der wird vermutlich auch keine weiteren mehr anfassen. Das ist schade, denn so entgehen einem wahre Perlen wie zB Venezianisches Finale (grandios!!), Acqua Alta oder Nobilita.
Ich hoffe, der 16. Band wird wieder besser (schlimmer gehts aber auch kaum noch). Der kommt im Juni raus, und den werde ich selbstverständlich ebenfalls lesen.