Der Autor ist Mediziner und legt eine Evaluation der gesamten Forschungsliteratur zur Nahrungssituation, Werkzeugproduktion, Siedlungsdichte, Lebensqualität, Epidemiologie, Geburtenraten und Bevölkerungsentwicklung der Steinzeit vor. Das Datenmaterial wird jeweils systematisch mit den Lebensbedingungen und der Demographie heute lebender Wildbeuter verglichen.
Bei der Lektüre wird man immer wieder auf überraschende Befunde stoßen, etwa dass der Homo sapiens der Altsteinzeit offensichtlich exzellente Lebensbedingungen aufwies: Die damaligen Menschen waren nach entsprechenden Nahrungs-, Skelett- und Zahnanalysen überdurchschnittlich gesund und widerstandsfähig gegen Krankheiten, nahmen höchstwertige Nahrung zu sich und hatten die größte Körperstatur der Vor- und Frühgeschichte und Geschichte überhaupt. Letztere Körpergröße verringerte sich in der Mittel- und Jungsteinzeit sukzessive um ca. 20 cm, zusammen mit einer Verschlechterung der Lebensbedingungen und einer Zunahme von Krankheiten und v.a. Epidemien (29-48). Entgegen dem, was man spontan anzunehmen geneigt ist, scheint die durchschnittliche Lebensqualität mit der neolithischen Revolution (Landwirtschaft und Sesshaftigkeit) noch einmal weiter abgenommen zu haben.
Als kompakte, aber sehr dichte und detaillierte Faktensammlung samt Interpretation im aktuellen Forschungshorizont dürfte das Buch keinen Konkurrenten haben.
Der Band ist aber noch in weiterer Hinsicht interessant und provokativ, auch wenn der Autor dieser Hinsicht expressis verbis nur kurze vier Seiten am Schluss widmet (145-149). Denn Michael Brandt ist skeptisch gegenüber etablierten Annahmen zur Geochronologie und zum Zeitrahmen der Evolutionsbiologie, wozu er sich auch und besonders durch die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung berechtigt sieht. Dazu kommt ein (evangelikaler) theologischer Hintergrund, der jedoch die auf hohem Niveau stattfindende Sachargumentation selbst nirgends beeinflusst, welche einem methodologischen Naturalismus verpflichtet ist. Seine kritischen Argumente insbesondere gegen das Postulat einer Millionen Jahre dauernden Vorgeschichte von Homo sapiens sind im Übrigen nichts völlig Neues: Sie finden sich auch im Hauptstrom der paläoanthropologischen und archäologischen Fachliteratur als eingestandenermaßen große Probleme. Man sieht die Problemlösungen dort in der Regel jedoch darin, die Daten durch spekulative Zusatzanahmen dem geltenden Paradigma anzupassen.
Der Leser mag sich in dieser Hinsicht selbst ein Bild machen, ob und wie weit die angesprochenen kritischen Aspekte durchschlagend sind. Es sind u.a. das fehlende Bevölkerungswachstum, die kulturell-technische Stagnation, die geringen Hinterlassenschaften an Steinwerkzeugen, die relativ wenigen Siedlungsplätze und kurzen Höhlennutzungsdauern. Es wäre in diesem Zusammenhang für Nichtfachleute wünschenswert, wenn ohne falsche Berührungsängste von Seiten der Synthetischen Evolutionstheorie eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial und den Argumenten Brandts unternommen würde.