Der Wiener Mathematiker und Computergeometriker Georg Glaeser hat mit seinem "Zebra" ein echtes mathematisches Coffee-Table-Buch vorgelegt, also ein gut gebundenes, üppig ausgestattetes und zum Auslegen im Wohnzimmer geeignetes Werk, das selbst Leserflaneure in seinen Bann ziehen dürfte und ihnen viel Stoff für anregende Diskussionen geben wird. Auf durchwegs farbigen und selbst neben den Erläuterungstexten noch mit kleineren Farbfotos und Simulationsgrafiken collagierten Doppelseiten entfaltet sich ein Potpourri aus nicht weniger als 144 durchwegs visuell grundierten Anwendungen und Fundsachen von geometrischer Mathematik in der natürlichen und menschengemachten Welt. Wie bei seinen vorher gegangenen Darstellungen bezieht auch dieses Buch Glaesers seinen speziellen Charme daraus, dass der Autor seine nebenberuflichen Interessen nicht im Geheimen lässt. Neben der von einem Professor an einer Kunstakademie zu erwartenden Besprechung von Architektur-, Kunst- und Museumsobjekten sowie Hinweisen auf originelle Aspekte im Design von Alltagsgegenständen fand deshalb eine Vielzahl von Beispielen aus der Tier- und Pflanzenwelt den Weg in sein Buch. Nachdem er sich ausweislich einer entsprechenden Anleitung schon als semiprofessioneller Makrofotograf erwiesen hat, gibt es spätestens nach dem Zebra-Buch auch keinen Zweifel mehr über Glaesers in schönen Unterwasserbildern dokumentierte Tauchsportaktivitäten. In anderen Rubriken beschäftigt sich Glaeser schließlich mit Aufnahmen des Tag- und Nachthimmels, Motiven aus Spiel und Sport sowie statischen und kinematischen Konstruktionselementen. Wenn der Rezensent dem reichhaltigen Angebot des Buchs einen Grundakkord entnehmen müsste, dann begleitet jener Herrn Glaeser als mathematischen Detektiv bei seinen Ermittlungen zu Struktur- und Musterbildung in der belebten und unbelebten Natur. Hier hat man es bekanntlich vielfach mit Fraktalen zu tun, über die es im Schrifttum seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine kaum übersehbare Zahl von populären, dabei allerdings häufig selbstreferentiellen oder auf Computergrafik hin abgestellten Darstellungen gibt. Glaeser geht für die gebildete Leserschaft einen Schritt weiter, indem er auf die Gesetze und Algorithmen eingeht, nach denen die Vervielfachung oder die ebene und räumliche Geometrie seiner Betrachtungsobjekte im Detail, also an den Verzweigungsstellen geschieht. Neben dem Hobbymathematiker wohlbekannten Prinzipien über Minimalflächen oder das Pflanzenwachstum wie etwa der Fibonaccifolge lernen sie in Glaesers Buch auch bislang kaum popularisierte Konzepte wie Klothoiden als natürliche Wickelkurven, Zonoedernetze, Voronoidiagramme oder apollinische Kreise kennen. An eine gewisse Grenze kommen Glaesers ansonsten stets plastische Erläuterungen nur im Bereich der Darstellenden Geometrie wie etwa bei den Effekten in der Projektion und Perspektive räumlicher Objekte, zu deren Verständnis eigentlich das dreidimensionale Selbermachen oder computergrafische Simulieren gehört. Man darf sich von seiner langen Speisekarte an mathematischen Vorspeisen auch jeweils nicht gleich den zugehörigen Hauptgang von vertieftem Verständnis versprechen, zumal es für die Erklärungstexte neben den opulenten Fotografien nur begrenzten Platz gibt, was manchmal etwas frustrierend wirkt. Einige der Themen im "Zebra" werden aber ausführlicher in Glaesers "Werkzeugkasten" berechnet oder in seiner populären "Geometrie" detailliert, bei anderen mögen die von Glaeser gegebenen Quellen und sehr vielen Internetlinks helfen, wobei letztere natürlich unter dem Risiko des Verschwindens stehen. Hilfreich wäre es daher, wenn der Autor oder Verlag sie online auflisten und gelegentlich aktualisieren könnte, dies auch, weil die URLs teilweise sehr lang geraten sind. Dem Ansatz des Buches wohnt inne, dass eigentlich verwandte Themen sich manchmal an weit auseinander liegenden Stellen finden. Hierzu mag trösten, dass es in der Natur eben selten so systematisch zugeht wie in einer Buchhaltung. Der Rezensent nahm im Übrigen nur an Stellen seiner eigenen Expertise etwas Anstoß wie bei der fälschlich als Regenbogen identifizierten Glorie auf S. 146f. oder dem Verzicht auf ein Foto vom grünen Blitz auf S. 60f. All das ist in der gewiss bald kommenden Zweitauflage unschwer nachzuholen, in welcher es bei allem Ehrgeiz des Autors, der sein Buch fast vollständig selber illustriert hat, und das überaus beeindruckend zumal, doch das eine oder andere Bild mit Rechten Dritter geben könnte. Diese kleineren Nörgeleien tun aber einer erneuten 5-Sterne-Empfehlung deshalb nicht den geringsten Abbruch. Chapéau, Professor Glaeser!