Für einen Europäer ohne engen Bezug zu Buddhismus und Ostasien liest sich dieser Roman nicht einfach, und er eignet sich ganz gewiss nicht dazu, einen ersten Kontakt zu China und seiner Literatur und Kultur herzustellen. Dazu wirkt der Roman zu zerrissen, es treten zu viele scheinbar unbedeutende Figuren auf, die Szenerien wechseln ständig, und man gewinnt gelegentlich den Eindruck, der Autor verzettle sich - dies zum Beispiel, als die französische Ich-Erzählerin aus Trotz ihr Interesse an ostasiatischen Sprachen gegen die afrikanischen eintauscht und eine für den Fortgang des Romans völlig unerhebliche, doch ausführlich geschilderte Reise nach Afrika antritt.
Wenn es sich wirklich um ein Sichverzetteln und einen wenig strukturierten Roman handelt und nicht um gewisse künstlerische Freiheiten, die man einem renommierten Autor wie Dai Sijie spätestens seit seinem Werk "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" zugestehen wird, so ist dies zumindest sehr charmant ausgearbeitet.
Echtes buddhistisches Gedankengut und die Eigenheiten einiger wichtiger ostasiatischer Länder und Regionen wie China, Tibet und Myanmar vermischt sich mit Imaginärem, denn das Land Tumschuk und seine Sprache sowie der berühmte Orientalist Paul d'Ampère sind "und ist es auch nicht wahr, so doch gut erfunden" und, wie der Autor in Interviews angab, als Hommage an die Geschichte Chinas und Ostasiens sowie an engagierte europäische Forscher zu verstehen. Auch die Kritik an den politischen Verhältnissen, nicht nur an den geradezu klassischen chinesisch-kommunistischen Praktiken von Umerziehungslagern und Zwangsarbeit, Selbstkritik und Sippenhaft, sondern auch an der bürokratischen Unbeweglichkeit benachbarter Länder ist nicht zu übersehen.
Ein wahrlich vielschichtiges Buch also mit Lokalkolorit, Philosophie und dem Augenmerk auf dem Suchen und Finden um jeden Preis, wenn man sich davon eine geistig-spirituelle Bereicherung erhoffen darf. Mancher Abschnitt lässt sich schwierig einordnen, weshalb ungeduldige, des Interpretierens, dem hier üppig Raum geboten wird, überdrüssige Leser gern einen Stern in der Wertung abziehen dürfen. Doch vermag dieser Roman ausgewählte Aspekte ostasiatischer Weisheit zu vermitteln, die zu betrachten und vielleicht mehrmals zu lesen sich lohnt.