Rezension von Elke Bockamp aus dem tempest-Newsletter von Mai 2008:
Zugegeben, ich lese Schreiblernliteratur gerne. Sogar, wenn das Wörtchen "verdammt" im Titel steht. Doch ich sage es gleich, "Die Große Liebe" von Ortheil (Hanns-Josef Ortheil, Professor für Kreatives Schreiben an der Uni Hildesheim) hat mich gelangweilt. Wahrscheinlich deshalb, weil es literarisch keine größere Liebe als Aitmatovs "Dshamilja" geben kann, denke ich, und tatsächlich meint Ortheils "Große Liebe" ohnehin die Liebe seines Protagonisten zum Meer. Diese teilt er mit Franca, in San Benedetto del Tronto an der Italienischen Adria. Die beiden lernen sich bei langen Spaziergängen am Meer kennen und lieben, sie dinieren im "Il Pescatore", einem Fischrestaurant, genießen eine "Brodetto Sanbenedettese", eine heimische Fischsuppe, zubereitet aus konzentriertem Fischsud - und die Story dümpelt etwa ab Seite 130 lustlos vor sich hin. Warum? Weil man zwei Menschen, die dieselbe Obsession teilen und sich zudem handelseinig sind, kaum etwas hinzufügen kann!
In "Wie Romane entstehen" gesellt sich zu der großen Liebe die Liebe des Autors zu dem, was er am liebsten macht: Schreiben. Seine Zeilen durchflutet plötzlich eine neue, viel intensivere Leidenschaft und gibt dem Werk eine neue Tiefe. Der Autor selbst wird schriftstellernder Protagonist, er versinkt in seinem eigenen literarischen Gemälde, seine Familie wird zur Nebensache, einem Störfaktor, der dem Autor auf der Suche nach Ideen, dem Schürfen nach tiefer Bedeutung und dem Ringen nach Worten im Wege steht. Zum ersten Mal verstehe ich, in welch weltentrückten Welten ein schreibender Künstler lebt, Ortheil spricht von einem "Faszinosum", einer poetischen Vision, die ihn beflügelt, mehr als 50.000 Wörter zu Papier zu bringen - "den" Roman zu schreiben.
Das ist genial und kann eigentlich nur noch besser werden, denke ich, fiebere Teil zwei von "Wie Romane entstehen" entgegen, in dem Klaus Siblewski, Lektor im Luchterhand Verlag, zu Wort kommt. Ich erwarte Werksgespräche, will wissen, wie der Lektor dem Autor hilft, seine poetische Vision umzusetzen. Doch stattdessen parliert Siblewski über Allgemeinplätze, zitiert einen fiktiven Autor herbei, der dem Verlag den Rücken zugekehrt hat, und er spekuliert, was die sensible Künstlerseele dazu bewogen haben mag: War der Autor nicht bereit, sein Werk zu überarbeiten?
Offensichtlich erklärt er angehenden Berufskollegen, wie man mit verschrobenen Autoren umgeht, wie man die sensible Künstlerseele im Namen des hoffentlich zu erwartenden literarischen Werks bei Laune hält. Es gibt nichts, rein gar nichts, was mich als Autorin anregt, unprätentiös, ja blutleer, kommen seine Aussagen daher ("Die Fragen, die sich Lektoren bei der ersten Lektüre stellen, ähneln denen, die sich Autoren beim Schreiben zurechtgelegt haben.") Ich sehne mich zurück nach Ortheils deftiger "Brodetto Sanbenedettese".
Doch die Kombination Ortheil/Siblewski hinterlässt einen Nachgeschmack. Offensichtlich gibt es außerhalb der Verdammt-jetzt-schreiben-lernen-Ratgeber mit ihrem "Show, don't tell" und dem 3-Akt-Erfolgsmodell einen Aufbruch in Richtung schöne, deutsche Literatur - prosaisch fällt mir in diesem Zusammenhang ein, und: verdammt, wie war doch gleich der Titel?