Eine Hymne an die Freude wollte sie schreiben und schrieb ein Buch des Schreckens. Freude ist, wenn man trotz allen Widrigkeiten trotzdem lacht. Annick beschreibt hier ihren Werdegang von einem Tutsimädchen, das zunächst behütet und glücklich in einer privilegierten Familie in Ruanda aufwächst und dann mit ihrer Familie in den Genozid verwickelt wird. Anliegen des Buches ist es, Zeugnis abzulegen, dass hier ein Völkermord stattgefunden hat und kein Bürgerkrieg und dass die Weltöffentlichkeit sich abgewandt hat als diese Abscheulichkeiten im Namen der rassischen Säuberung begangen wurde. Sie will auch, dass die Erinnerung an die Menschen, die ihr Leben lassen mussten, auf diese Weise weiterlebt.
"Wenn ich Zeugnis ablege, dann nicht, um die Rolle des Opfers zu spielen, sondern um die Mauern der Gleichgültigkeit und des Schweigens, die um diesen Genozid errichtet wurden, niederzureißen."
In Rwanda wurden innerhalb von hundert Tagen ca 1 Million Tutsi von den Hutus ermordet, die meisten wurden mit Macheten zerhackt. Wie durch ein Wunder ist Annick dieser Hölle entgangen, sie verliert jedoch Familie, Freunde, Bekannte, Haus, Land. Sie musste mit ansehen wie sich harmlose Nachbarn in gemeine Monster verwandeln und findet auch später keine Erklärung dafür. Sie erzählt ohne Pathos, ohne Selbstmitleid. Sie überlebt die Grausamkeiten und Gemeinheiten zuerst in ihrer Heimat und dann in Frankreich, wo sie in der Pflegefamilie missbraucht wird. Aber sie hält durch und emanzipiert sich, weil sie niemals aufgibt. Daraus schöpft sie Kraft und Hoffnung.
Ihr Bericht ist zwar subjektiv, enthüllt aber dennoch die Geschehnisse aus der erschütternden Perspektive einer Heranwachsenden. Das erinnert an das autobiographische Zeugnis von Elie Wiesel, der im gleichen Alter in die Todeslager der Nazis kam. Überhaupt sind die Parallelen der Genozide an den Juden und Tutsi frappant. In beiden Fällen wird die Mordaktion geplant und propagandistisch mit Hetzkampagnen vorbereitet. Ausführende sind zum Bösen verführte Massen, die sich die Fähigkeit selbständig zu denken haben abnehmen lassen. Und in beiden Fällen hat die Weltöffentlichkeit erst dann davon Notiz genommen, als die Tat vollbracht war. Zurzeit läuft eine ähnliche Aktion im Süden von Sudan. Auch da sind die in die mittlerweile in die Millionen gehenden Opfer nur Schwarze, zumeist Christen, die von Muslimen abgeschlachtet werden oder infolge der repressiven Politik der islamistischen Regierung ihr Leben verlieren. Und wieder schaut die Weltöffentlichkeit zu.
Annick erkennt die Art von Rassismus, den sie in Ruanda kennen gelernt hat, auch in Frankreich. Glucksmann hat Recht, wenn er über den Hass als Begabung jedes Menschen schreibt: "Er lauert überall, verschleiert und doch jederzeit bereit, seine Klauen auszustrecken, um Gewalt anzuwenden und zu erniedrigen."
Die Autorin selber zieht folgenden Schluss: "Niemand kann die Augen verschließen oder sich selbst beruhigen, dass ihn das alles nichts angeht. Ganz gleich ob in Bosnien, in Tschetschenien, in Ruanda, im Kongo oder in New York: Dort sind die Menschen gestorben, weil andere ihren niederen Instinkten nachgegeben haben. Also ist auch der Rest der Menschheit involviert und bedroht." Sie sagt sogar es geht um die Rettung der Menschheit! Warum? Weil sie durch die verderbliche Macht der menschlichen Natur bedroht ist. Damit hat sie mehr Erkenntnis als viele Theologen. Es handelt sich nämlich um ein Problem, das die Menschen offensichtlich nicht lösen können. Die Menschen sind sich gleich, ob in Nazideutschland oder in Ruanda. Die Behauptung der Humanisten, dass der Mensch im Kern gut sei, ist längst entlarvt als unwahres Wunschdenken und wird immer wieder ersichtlich.
Annick beklagt: "Viele Menschen, Präsident Kagame vorneweg, sprechen von Versöhnung und Verzeihen. Die Täter des Genozids werden freigelassen und kehrten in ihre Häuser, auf ihr Land zurück. Sie müssen eine gemeinnützige Arbeit leisten...Unterdessen aber bleiben die Überlebenden, denen niemals auch nur der geringste Teil ihres Hab und Guts zurückgegeben wurde, die ewigen Opfer."
Und sie fragt: "Mit wem sollte ich mich also versöhnen? Mit denen, die meine Familie abgeschlachtet und diejenigen umgebracht haben, die ich liebe?"
Die Überlebenden des Genozids müssen nu weiter, Tür and Tür mit den Denunzianten und Mördern von früher zusammenleben. Und sie werden weiter von ihnen als Untermenschen und Kakerlaken betrachtet. Die Frauen, die überlebt haben, wurden vergewaltigt. Viele sind an Aids erkrankt. Sie haben nicht nur den Seelenschmerz zu tragen, sondern auch den Hohn der Täter.
Annick sagt vor einem uninteressierten Gericht gegen die Mörder und Verräter ihrer Familie aus. Doch sie werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Doch auch sie unterliegt dem Irrtum, wenn sie sagt: "Diese Individuen gleichen mehr Tieren als Menschen." Nein, so ist der Mensch! Man muss nur seine verborgenen " Qualitäten" wecken. Tiere haben solche Qualitäten nicht!
Das Schlusswort der Autorin lautet: "Das Schuldgefühl überlebt zu haben, lässt nach. Jetzt habe ich andere Gefühle, andere Hoffnungen. Ich habe die Vergangenheit nicht vergessen und werde alles tun, damit sie nicht vergessen wird. Nicht um den Hass unsterblich zu machen, sondern um die Grenzen des Grauens auszuloten. Damit aus der Abscheu vor der Barbarei die Werte der Menschlichkeit auftauchen. Damit unsere Stellung und unser Schicksal, Mensch zu sein, Bedeutung hat. Und unsere Würde."