Dieses Buch ist eine umfangreiche Biografie eines der wichtigsten Pioniere der Elektrotechnik. Michael Krause schreibt lebendig und verständlich sowohl über die Persönlichkeit von Nikola Tesla als auch über seine Erfindungen und die gesellschaftlichen Verhältnisse am Ende des 19. Jahrhunderts.
Den Titel "Wie Nikola Tesla das 20. Jahrhundert erfand" empfand ich zunächst als übertrieben. Waren es denn nicht eher Edison (elektrisches Licht) und Bell (Telefon), deren Erfindungen das 20. Jahrhundert definierten? Doch das Buch argumentiert überzeugend: Mit Edisons Gleichstrom wäre ein flächendeckender Einsatz der Elektrizität nicht möglich gewesen. Teslas Wechselstrom war ein entscheidender Durchbruch. Das rotierende Magnetfeld in den Turbinen und im Elektromotor sowie der Transport der Energie über weite Strecken sind heute selbstverständlich. Mit jeder Steckdose nutzen wir Technik, die von Tesla stammt.
Doch auch die Funktechnik verdankt Tesla wesentliche Beiträge. Er erwartete, dass Menschen in der Zukunft mit westentaschengroßen Geräten weltweit und blitzschnell kommunizieren würden. Auch von der Atombombe hatte er eine Vorstellung. Schon vor über hundert Jahren war Tesla klar, dass die Verbrennung von Fossilien eine Sackgasse für die Menschheit bedeutet. Das war visionär und ist heute aktuell. In der Biografie wird deutlich, welch ein Technikschock auf die Menschen in den 1890ern wirkte. Nachdem Tesla das weltgrößte Stromkraftwerk an den Niagarafällen installiert hatte, erschien fast jedes Zukunftswunder möglich.
Warum kennt dann kaum jemand Tesla? Das Buch zeigt eine Reihe von Gründen:
- Tesla war zwar ehrlich, voll engagiert und hatte eine enorme Selbstdisziplin, mit der er seinen schöpferischen Geist zu immer neuen Höchstleistungen antrieb. Doch menschlich, in seinen persönlichen Beziehungen, war er ängstlich und verkrampft.
- Tesla schaffte es nicht, seine großartigen Visionen und seine ebenso großen Irrtümer, etwa vom Äther im All, auseinander zu halten.
- Als nicht-patriotischer eingewanderter Amerikaner geriet Tesla in Konflikt mit dem Militär und dem Establishment der USA, zudem verhielt er sich politisch ungeschickt
- In finanziellen Dingen und als Unternehmer taugte Tesla wenig, zudem fehlte es ihm an Selbstkritik
- Seine Stimmungsschwankungen führten zu Phasen vollen Schaffenstriebs mit anschließenden Phasen des völligen Rückzugs
Tesla hat reichlich Stoff auch für Verschwörungstheorien geliefert. Der Biograf grenzt sich glücklicherweise klar davon ab und bemüht sich, den Nebel um einige dubiose Umstände zu lichten. Der Autor Michael Krause ist weltweit einer der Top-Tesla-Fachleute und widmet sich mit Begeisterung seinem Thema, ohne wie manch andere Tesla-Biografen in unkritische Bewunderung zu verfallen. Vom gleichen Autor gibt es die DVD
All About Tesla, dieser Film ist aber kein Ersatz für das Buch.
Die Biografie liest sich mitunter wie ein Krimi und ist lesenswert für alle, die sich für Technikgeschichte, die Verhältnisse am Ende des 19. Jahrhunderts und für schrullige Genies interessieren.