Ein ganz neuer, so ungewöhnlicher wie schöner Blick auf das alte und junge Weimar. Man rechnete gar nicht damit, dass ein solcher Blick überhaupt möglich ist. Durch den Untertitel verführt (aber durchaus noch in Erwartung der üblichen "von Museum zu Museum"-Aufklärung plus gelegentlicher Extravaganz), kommt der Leser aus dem Staunen nicht heraus. Mit so viel Liebe (und Sachkenntnis) ist Weimar schon lange nicht mehr geehrt worden. Allein die Kapitelüberschriften sind ein Genuss für sich. So firmiert der ungewöhnliche Gang durchs ja immer noch frappierende Goethehaus "mit respektvollem Besuch seiner Schlafzimmer" unter der merkwürdigen Überschrift "Von der Weisheit des Doppelbettes". Hat je jemand in aller Würde daran gedacht, wo und wie der Olympier im dreiundzwanzigjährigen (und mehrfach reparierten) Doppelbett am Frauenplan "residierte", bevor er ins spätere und jährlich tausendfach bestaunte Sterbezimmer umzog? Oder ist die deutsch-deutsche Problematik im Nachhinein in jüngerer Zeit jemals sensibler behandelt worden als in dem Kapitel über den "Göttermissbrauch an der sozialistischen Denkmalsmeile"? Und welcher Weimar-Reiseführer sonst besucht "die schlafenden Kinder Israels an der Schlossbrücke", um mit ihnen den alten, bis heute nicht entschiedenen jüdischen Streit über die Frage einer "Auferstehung der Toten" zu bedenken? Und alles in einer Sprache, deren bewusste Ansiedlung zwischen Thomas Mann und Alfred Kerr besticht, ja oft verzaubert, weil sie ganz frei ist von den üblichen "Bild"-, PC- und sonstigen S-P-O-Schrumpfsätzen, die der SMS-Praxis zwischen Frühstück und U-Bahn geschuldet sind. Eine Schatzinsel und eine Lesegenuss für sich die umfangreichen Anmerkungen, unter denen die "Juwelen" (es gibt deren einige) gleich sinnvoll mit einem "Sternchen" gekennzeichnet sind. Selbst langjährige Weimarer entdecken ihre Stadt mit Kochs "Morgenspaziergängen" (die übrigens am Abend genau so schön sind!) mit neuen Augen.