- Broschiert: 199 Seiten
- Verlag: Suhrkamp (1996)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3518391747
- ISBN-13: 978-3518391747
- Größe und/oder Gewicht: 17,4 x 10,8 x 1,4 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.205.528 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Neues von Guillermo Cabrera Infante
Englische Vulgärausdrücke haben dem Kubaner Guillermo Cabrera Infante am Anfang seiner Schriftstellerlaufbahn ernste Schwierigkeiten eingebrockt. Anlass war die Erzählung «Ballade von Blei und Kohle», die 1952 in Havanna in der Zeitschrift «Bohemia» erschien. Es ist darin die Rede von Gangstern, die einem Mann auflauern, um ihn zu erschiessen. Beim Warten werden sie von einem betrunkenen amerikanischen Touristen gestört, der Obszönitäten grölt, primäre Geschlechtsmerkmale und sexuelle Praktiken betreffend. Wegen dieser Derbheiten auf englisch wohlbemerkt wurde Cabrera Infante, damals 23, verhaftet und eingekerkert. Man verurteilte ihn zu einer empfindlichen Busse, erteilte ihm ein unbeschränktes Publikationsverbot (das er mit einer Serie von Pseudonymen umging) und verwies ihn von der Journalistenschule (was er in der Praxis wettmachte).
Der wahre Grund für diese behördliche Überreaktion: Einige Monate zuvor hatte sich Fulgencio Batista an die Macht geputscht, dem neuen Innenminister war «Bohemia» und insbesondere ihr Direktor ein Dorn im Auge. Die Anklage sollte die Zeitschrift treffen. Doch diese parierte erfolgreich, und so wurde der Jungautor zum Sündenbock. «Ich bin der einzige kubanische Schriftsteller, der auf Grund eines strikt literarischen Vergehens ins Gefängnis gesteckt wurde», sagt Cabrera Infante mit charakteristischem Pokerface, welches einen über den Grad der Ernsthaftigkeit seiner Äusserungen oft im unklaren lässt.
Die inkriminierte Erzählung nahm Cabrera Infante 1960 in seinen Erstling «Wie im Kriege also auch im Frieden» auf, der jetzt auf deutsch erschienen ist. Die 14 Erzählungen dieses Bandes thematisieren neben autobiographischen Episoden die sozialen und politischen Missstände zur Zeit der Batista-Diktatur. Bereits in diesen frühen Texten ist Cabrera Infantes Flair für gesprochene Sprache offenkundig. Einige sind reine Monologe im Slang von Havanna, was Wilfried Böhringer, der sich mit der Übersetzung von Cabrera Infantes «Drei traurige Tiger» sprachschöpferisch und wortspielerisch profilierte, vor grundsätzliche Entscheide stellte. Seine «revolutionäre Relevanz» bezieht der Band aus der Denunziation des 1959 von Fidel Castro gestürzten Regimes. Die Anklage wird verstärkt durch szenenartige, zwischen die Erzählungen eingestreute Kurztexte, die Mord und Folter in der letzten Phase von Batistas Herrschaft dokumentieren. In ihrer schmucklosen, trockenen Unmittelbarkeit sind diese Vignetten, wie sie der Autor nennt, bemerkenswerte Stilübungen. Von Sartre beeinflusst, verstand Cabrera Infante damals die Literatur als Mittel des politischen Kampfes, eine Auffassung, die er, zusammen mit dem Streben nach «Realismus», sehr bald ablegte.
Kuba in South Kensington
Die Regale mit kubanischen Büchern, die CD-Stapel mit kubanischer Musik und eine unbeschnittene Monstera deliciosa, welche allmählich den Blick auf die Gloucester Road zuwuchert, verbreiten in Cabrera Infantes Londoner Wohnung einen Hauch Tropen. Seit 1965 im Exil, seit 1966 in England, seit 1979 naturalisierter Brite: der Kubaner lebt mit seiner zweiten Frau, Miriam Gómez, auf wenigen Quadratmetern in einem viktorianischen terrace house in South Kensington. Das Wohnzimmer ist auch Arbeitsraum: Die Schreibmaschine gegen den Computer wehrt sich Cabrera Infante erfolgreich thront auf einem grossen Tisch, umzingelt von einsturzgefährdeten Bücher- und Papiertürmen. Cabrera Infante verfügt über eine seltene Gabe: Lärm und Betrieb hindern ihn nicht am Schreiben. Er hat sich diese Unempfindlichkeit in der Jugend angeeignet, als die vierköpfige Familie, vom Land nach Havanna umgesiedelt, mausarm in einem einzigen Zimmer hauste. In den Jahren als Journalist tippte er seine Filmkritiken und Reportagen im Tohuwabohu des Redaktionssaales. Und im Exil schrieb er anfänglich in einer Kellerwohnung, auf Tuchfühlung mit seiner Frau und den beiden (inzwischen verheirateten) Töchtern, während nebenan die Züge der Untergrundstation Earl's Court vorbeiratterten.
Mit dem Roman «Drei traurige Tiger» (1967) ist Cabrera Infante international bekannt geworden. Schauplatz sind die Cabarets und Kneipen im nächtlichen Havanna am Vorabend der Revolution. Thema ist auch die Sprache selbst, wobei neben dem Spanischen des Autors zweite Sprache, das Englische, auf Puns und andere sprachartistische Möglichkeiten abgeklopft wird. «Holy Smoke» (1985), eine aus- und abschweifende Kulturgeschichte der Zigarre und des Zigarrenrauchens in Literatur und Film, hat Cabrera Infante direkt auf englisch geschrieben. Die spanische Version hat er aufgegeben, weil, wie er sagt, die Möglichkeiten des punning im Spanischen beschränkt seien.
1965 brach Cabrera Infante mit der Revolution Fidel Castros. An die Zeiten des Kampfes gegen den vorgängigen Tyrannen Batista erinnert er sich noch immer in allen Details. Raymond D. Souza schreibt in seiner konzisen literarischen Biographie «Guillermo Cabrera Infante. Two Islands, Many Words» (1996), der Schriftsteller habe Castros Rebellen als Nachrichtenüberbringer und Waffentransporteur unterstützt. Cabrera Infante spielt seine Rolle herunter: «Ich war militant wie alle Jugendlichen, die gegen Batista waren. Es kam vor, dass ich Waffen in unserer Wohnung versteckte. Ein Freund, Alberto Mora, hielt sich während Monaten bei uns versteckt. Wir gaben ihn als Cousin vom Land aus. Meinen Eltern gefiel das nicht besonders. Sie waren Mitglieder der KP und gegen alles, was die Kommunisten terroristisch-putschistisches Abenteuertum zu nennen pflegten. Doch der Brötchenverdiener war ich, und so hatte ich das Sagen.»
Oppositionelle und Aufständische, die in die Hände von Batistas Sicherheitsapparat fielen, wurden gefoltert und ermordet. Die Erinnerung an den misslungenen Angriff auf den Präsidentenpalast 1957, der mit einem Blutbad und dem Tod mehrerer seiner Freunde endete, hat Cabrera Infante nicht losgelassen. Sie bildet den Ausgangspunkt für das Drehbuch «The Lost City», das Cabrera Infante für Paramount schrieb und das der kubano-amerikanische Schauspieler Andy García demnächst verfilmen will. «Demnächst sagt Andy allerdings seit 1991», frotzelt Cabrera Infante. Er ist froh um eine Vertragsklausel, die es ihm erlaubt, den Stoff literarisch zu verwerten für sein nächstes Romanprojekt.
Musikalische Querverbindungen
Miriam Gómez bringt Espresso, in den Cabrera Infante beträchtliche Mengen Zucker schaufelt. Die erloschene Zigarre wird wieder in Brand gesteckt und eine CD aufgelegt, an deren Entstehen Cabrera Infante nicht unschuldig ist. Es sind Boleros aus den fünfziger Jahren, gesungen von Fredy, eigentlich Fredesvinda Garcia, einer der Hauptfiguren in «Drei traurige Tiger». In einem langen Artikel hat Cabrera Infante unlängst die kurze Karriere dieser schwergewichtigen schwarzen Sängerin nachgezeichnet, was wahrscheinlich den Ausschlag gab, alte Archivaufnahmen auszugraben. Und weil die Fredy-Kapitel in «Drei traurige Tiger» eine Geschichte in der Geschichte bilden, sind sie jetzt unter dem Titel «Ella cantaba boleros» (1996) als Buch erschienen, ergänzt durch ein in «Drei traurige Tiger» weggelassenes Schlusskapitel. Cabrera Infantes Leidenschaft für die populäre Musik Kubas und den kubanischen Jazz steht auch im Mittelpunkt der Anthologie «Mi música extremada» (1966). Neben literarischen Texten, einige bisher schwer zugänglich, findet man darin Aufsätze über Musiker wie Chano Pozo, Ñico Saquito, Paquito d'Rivera Cachao. Als «Voyeur von Tönen» schreibt Cabrera Infante gelegentlich auch Booklets für CD mit kubanischer Musik.
Anthologien, Reeditionen, Verschnitte: Muss man daraus schliessen, dass Cabrera Infantes kreative Ader verkümmert ist? Sein letztes «richtiges» literarisches Buch, «La Habana para un Infante difunto», liegt 18 Jahre zurück. Seit den sechziger Jahren angekündigt ist der Roman «Cuerpos divinos». Er besteht aus mehreren Bänden; am ersten bringt der Schriftsteller momentan die letzten Retuschen an. Das Generalthema dieser Saga? «Die Frauen, was sonst!» Und der Schauplatz? «Natürlich Havanna!»
Fast die Hälfte seines Lebens hat Cabrera Infante im Exil verbracht, Havanna hat er 1965 zum letztenmal gesehen. Ich wage nicht, zu fragen, ob er die Hoffnung hat, Kuba wiederzusehen. Die Erinnerung daran brennt jedenfalls wie eh und je.
Georg Sütterlin
Ella cantaba boleros. Verlag Alfaguara, Madrid 1996. 309 S.
Mi música extremada. Verlag Espasa Calpe, Madrid 1996. 399 S.
Raymond D. Souza: Guillermo Cabrera Infante. Two Islands, Many Words. University of Texas Press, Austin 1996. 196 S.
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