Pressestimmen
09.09.2010 / Die Zeit: Assimiliert und immer noch nicht gleich "Dieses Buch ist das Ergebnis einer seltsamen doppelten Agenda: die Konvertiten rückwirkend dem NS-System zu entreißen und zu lernen, wie vernünftig die Konversion möglicherweise war."
01.11.2010 / Deutschlandradio: Erklärungen für den Abschied vom Judentum "Deborah Hertz' Studie über den Abschied vom Judentum ist ein vorzüglich geschriebenes Buch, das ohne die sonst häufig anzutreffende übertriebene Gelehrsamkeit auskommt. Es gelingt ihr, anhand einzelner Schicksale die Geschichte jüdischer Konvertiten in Deutschland anschaulich darzustellen."
01.11.2010 / Deutschlandradio: Erklärungen für den Abschied vom Judentum "Deborah Hertz' Studie über den Abschied vom Judentum ist ein vorzüglich geschriebenes Buch, das ohne die sonst häufig anzutreffende übertriebene Gelehrsamkeit auskommt. Es gelingt ihr, anhand einzelner Schicksale die Geschichte jüdischer Konvertiten in Deutschland anschaulich darzustellen."
Kurzbeschreibung
"Ein wunderbar ausgearbeitetes, mit viel Empathie geschriebenes Buch" Ute Frevert In den 1930er Jahren erstellten die Nationalsozialisten eine Kartei, in der alle Konversionen deutscher Juden seit 1645 aufgelistet sind. Sie wurde zum Ausgangspunkt für dieses Buch. In ihm erzählt Deborah Hertz anhand von Briefen und Tagebüchern von den Motivationen und Hoffnungen zahlreicher Juden, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zum Christentum konvertiert waren. Im Mittelpunkt steht dabei Berlin, damals Zentrum des kulturellen Lebens. Die individuellen Geschichten - unter anderem der Familien Mendelssohn und Varnhagen - zeichnen ein differenziertes Bild jüdischer Identitäten während der Reformation und Emanzipation - erzählende Geschichtsschreibung im besten Sinne.
Über den Autor
Deborah Hertz lehrt Modern Jewish Studies an der University of California in San Diego, USA. 1998 erschien von ihr auf Deutsch "Die jüdischen Salons im alten Berlin".
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ein weiterer berühmter Fall aus diesen Jahren ist der der beiden konvertierten Töchter von Moses Isaak Fließ. Das Testament ihres Vaters legte fest, dass kein konvertiertes Kind von seinem reichen Besitz erben könne. Wenn sie hingegen jüdisch blieben, sollte jede Tochter fast 100.000 Taler erben, ein riesiges Vermögen. Ein Fabrikarbeiter in Berlin verdiente damals 150 Taler jährlich, der Jahresverdienst eines Professor lag bei 600 Talern, und wie wir soeben erfahren haben, betrug Rahels Mitgift 20.000 Taler. Ein Jahr nachdem Moses Isaak Fließ 1779 gestorben war, entschieden sich seine beiden Töchter Blümchen und Rebecca für die Taufe, und jede heiratete einen Adeligen. Ihre Brüder, die noch Juden waren, weigerten sich, ihre Mitgift auszuzahlen, und der Fall landete schließlich vor den Zivilgerichten. Als Friedrich Wilhelm II. im Jahr 1786 König wurde, entschied er zugunsten der Brüder, denn die Elternrechte waren ein wichtigerer Grundsatz als das praktische Vorhaben, die Zahl der Konversionen zu erhöhen. Dieselben Brüder, die ihren Schwestern erfolgreich eine Erbschaft verweigerten, zeigten ihrerseits dieselben Gepflogenheiten, welche die Krise der Familie kennzeichneten. Einer von ihnen, Joseph Fließ, konvertierte später ebenso wie die Kinder der anderen Brüder. Außerdem hatte Joseph eine jahrelange Affäre mit einer christlichen Geliebten, Louise Luza, die er nach dem Tod seiner Frau heiratete. Josephs Bruder Beer Isaak blieb Jude, war aber der Vater zweier unehelicher Kinder. Ein dritter Bruder, Meyer Moses, wurde von ihrem Vater, bevor dieser starb, aufgrund seines "Lebensstils" enterbt, und dieser Sohn konvertierte im Jahr 1787 ebenfalls. Über die verschlungenen Netze aus familiärer Zwietracht, Geld und religiösen Konflikten, in denen die Meyer-Schwestern und die Isaak-Fließ-Schwestern sich verfingen, wurde in Zeitungen und Zeitschriften debattiert, da die Zeitgenossen verstehen wollten, wie jüdisches Gesetz, bürgerliches Recht und Kirchenrecht den komplizierten Status von Konvertiten regelten. In einem weiteren Familiendrama voller widerstreitender Gefühle, das sich um die Konversion drehte, spielte Dorothea Mendelssohn die Hauptrolle. Als wir ihr zuletzt begegneten, war sie 18, hieß noch Brendel und war frisch verheiratet mit Simon Veit. In den Jahren nach ihrer Heirat waren die Freunde des Paares sich nicht einig; einige dachten, sie sei zufrieden, und andere sorgten sich offen, dass sie unglücklich mit Simon sei. Nachdem sie gerade einmal drei Jahre verheiratet waren, verlor Brendel ihren und Simon seinen Vater. Zwei Jahre später zogen Brendels Mutter Fromet und die jüngeren Mendelssohn-Geschwister nach Neustrelitz, einer Stadt in einiger Entfernung von Berlin. Brendel und Simon setzten vier Söhne in die Welt, aber nur zwei von ihnen überlebten, Jonas und Philipp. Aus der Ferne betrachtet, mag Brendels Familienleben durchaus ziemlich ruhig und traditionell gewirkt haben. Doch ein genauerer Blick enthüllt, dass auch sie die traditionelle jüdische Welt bereits hinter sich ließ, als sie noch verheiratet war. Sie pflegte Freundschaften mit mehreren bekannten christlichen Intellektuellen, und sie wirkte mit bei der Gründung einer romantischen Geheimgesellschaft namens Tugendbund. Im Jahr 1794 legte sie den zu jüdischen Namen Brendel ab und nannte sich fortan Dorothea. Drei Jahre später, im Sommer 1797, als sie 32 Jahre alt war, begegnete Dorothea zum ersten Mal dem Dichter Karl W. Friedrich Schlegel. Er war damals 25 und sah mit seinen langen Haaren, seinerzeit ein Zeichen der Begeisterung für die Revolution in Frankreich, ziemlich gut aus. Friedrich hatte sich bereits einen Namen als Intellektueller gemacht, obwohl er noch im Schatten seines älteren Bruders August Wilhelm stand, eines enorm einflussreichen Professors an der Universität von Jena. Zum Glück für Dorothea fühlte Friedrich sich zu älteren Frauen mit starker Persönlichkeit hingezogen, und die zwei verliebten sich ineinander. Als ihre Beziehung sich vertiefte, dachte Dorothea lange und intensiv darüber nach, ob sie sich von Simon scheiden lassen sollte. Einer ihrer Vertrauten war der damals 29-jährige Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, der Prediger an der Charité-Kirche war und Henriette Herz ebenfalls nahestand. Schleiermacher hatte Verständnis für ihre Notlage, weil er ein weltkluger Mann war und begeistert von der Emanzipation der Frauen. Aufgrund seiner Vertrautheit sowohl mit Dorothea als auch mit Henriette, die beide schließlich konvertierten, hat man in ihm einen Verfechter der Massenkonversion gesehen. Aber seine Ansichten über die Konversion waren subtiler. Wenn Juden eine echte spirituelle Verwandlung erlebt hatten, dann befürwortete Schleiermacher in der Tat die Konversion. Aber er betonte, wie wichtig die ehrliche Überzeugung sei, und er befürwortete niemals die Konversion als Ersatz für die bürgerliche Emanzipation. Dorotheas Schwester Henriette und ihre Freundin aus Kindertagen Henriette Herz verbrachten beide Stunden bei Simon und überzeugten ihn davon, dass Dorothea wirklich unglücklich in der Ehe sei. Gegen Ende des Jahres 1798 willigte Simon widerstrebend in eine Scheidung ein. Er erhielt das unmittelbare Sorgerecht für den älteren Jungen, Jonas, und Dorothea wurde erlaubt, Philipp, der damals sechs war, weitere vier Jahre aufzuziehen. Aber sollte sie wieder heiraten oder Christin werden, bevor Philipp zehn war, würde das Sorgerecht für ihn an Simon zurückfallen. Dies bedeutete, dass Dorothea sich nicht sofort mit Friedrich vermählen konnte, wodurch sie in die schäbige Lage einer geschiedenen Frau mit einem ziemlich berühmten Liebhaber geriet. Simon ging es natürlich darum, dass der kleine Philipp nicht in jungen Jahren einer christlichen Sozialisation ausgesetzt wäre. Aber obwohl er zu verhindern suchte, dass sie Christen wurden, konvertierten sowohl Jonas als auch Philipp schließlich, ließen sich in Italien nieder und wurden katholische Maler im Stil der Nazarener. Was die überaus wichtigen Finanzen betrifft, willigte Simon ein, Dorothea jährlich vierhundert Taler Unterhalt zu zahlen, was für einen bescheidenen, aber immerhin noch mittelständischen Lebensstil ausreichte. Nach ihrer Scheidung mietete Dorothea eine eigene Wohnung. Obwohl sie nicht zusammenlebten, verbrachten sie und Friedrich ihre Tage gemeinsam mit Lesen, Schreiben und Gesprächen über die Literatur und Politik der damaligen Zeit. Für sie war es eine dramatische und unruhige Zeit. Zwar hielten die engsten Freundinnen ihr die Treue, aber viele prominente Persönlichkeiten in und außerhalb ihrer Familie waren schockiert über ihre Scheidung und über den Roman, den Schlegel im selben Jahr veröffentlichte und der in seiner Zeit als unverschämt erotisch galt. So wurde das radikale Paar selbst in der fortschrittlichen Welt der Salons an den Rand gedrängt. Dennoch erhielten Dorothea, ihr geliebter Friedrich Schlegel und ihr gemeinsamer Intimus Schleiermacher zum Mittagessen oft Gesellschaft von dem Unruhestifter Johann Gottlieb Fichte. Fichte war gerade aus Jena in Berlin eingetroffen, weil man ihn aus seiner dortigen Professur entlassen hatte. Er wählte Berlin, weil die Stadt für ihre Toleranz und die lebhafte intellektuelle Szene bekannt war. Er machte sich rasch einen Namen und konnte mit Vorträgen, die er in seiner Wohnung hielt, sogar seinen Lebensunterhalt bestreiten. Anfangs war er republikanischer Kosmopolit, aber als die Französische Revolution ihr moralisches Kapital in den deutschen Ländern einbüßte, wandelte er sich zum glühenden Patrioten mit immensem Einfluss auf die zeitgenössische Politik. Seine Anhänger und vielleicht auch seine Kritiker konnten Fichtes persönlichen Lebensweg bewundern. Sein Vater war Bandweber in Sachsen gewesen, und als Kind hatte Fichte Gänse gehütet. Überall entlang seines Weges fand er die Hilfe einflussreicher Gönner. Als er dreißig war, sieben Jahre vor seinem Umzug nach Berlin, wurde Fichte als Professor an die Jenaer Universität berufen. Aber er sagte...