Alle 13 Kurz-Geschichten in diesem Buch entwickeln ein Bild der Fernsehgrößen und TV-Zuschauer auf Du und Du. Man muss schmunzeln beim Annähern und entdeckt in einer ungekünstelt echten Sprache die eigenen Gedanken, ja, das stimmt, so ist es, fuhr es mir beim Lesen oft ins Gemüt. Hermann Bausinger kommt allen auf die Schliche, ihnen näher und entzaubert die Helden der Mattscheibe, er zerlegt sie erzählerisch in kleinste Details und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Einfach köstlich, als der Doppelgänger von Harald Schmidt in Nürtingen weilt und von Gaststättengästen angesprochen wird. Wer denn der größte Nürtinger sei? Hölderin, Härtling oder Schmidt? Könnte Schmidt sogar seinen eigenen Doppelgänger spielen? Er kann!
Wie würde Frau Pilawa einkaufen? (Kurzfassung der Kurzgeschichte)
Sie sitzen im Wartezimmer und getrauen sich, hinter dem neutralen ockerbraunen Umschlag des Lesezirkels sie mal zu blättern, die G A L A. Kaum in der Hand, es ist einem etwas peinlich, tönt von links eine weibliche Stimme: "Das müssen Sie lesen!" Weil die Sitznachbarin höflich insistiert, gucken Sie die großen Bilder an und durchdenken sowohl die visuellen Inhalte als auch die knappen, darunter stehenden GALA-Texte. Ein Genuss erst mit den hilfreichen Gedanken von Herrmann Bausinger, der aus dieser Idee eine spannende Handlung entwickelt.
Es geht ums Einkaufen, der Frau Pilawa, Angetraute von Jörg Pilawa, man erlebt dies gedanklich hoch drei, wobei die neben dem Autoren sitzende Dame führt und kommentiert. Mir gefällt diese Annäherung an Jörg Pilawa, den der Autor kennt, als authentisch, Frau Pilawa wird einen solchen Shoppingbericht nicht in die GALA bringen, aber wenn, ja wenn, hätte sie es so getan. Die GALA-Bilder sind einfach anständig, einfach moralisch gut, einfach richtig, so müsste man Kinder in einer heilen Welt erziehen. Moralisch korrekt. Ich vermute, Hermann Bausinger hat diese Annäherung aufgrund jener heilen, idyllischen Welt der Werbespots entwickelt, die Herrn Pilawa und seine Familie in einer bestimmten Art märchenhaft verzaubern. Irgendwie ist einem dabei aber alles Wurst!
In GALA bzw. dieser Geschichte hat Frau Pilawa aber doch anders eingekauft, als diese Werbung ihr vorschreibt. Schön, dass ihr dies in diesem kleinen GALA-Märchen ermöglicht wurde, einfach nett, ganz so wie Jörg Pilawa und seine Familie, dier er natürlich als großer Star versteckt hält. Es stimmt, Herr Pilawa und seine trotzdem vermarktete Familie sind unangenehm korrekt, übernett und sein Lächeln kann einem schon zusetzen, dieses norddeutsch kühle, gekünstelt liebevolle Getue. Dahinter steckt wenig mehr als ein liebes Schwiegersohnlächeln, Jörg Pilawa ist irgendwie das Alles und Nichts deutscher Fernsehunterhaltung. Was macht er eigentlich momentan? Er lässt Geld hin- und herschieben, er macht aus großen Häufchen kleine. Passt.
Kann man Günter Jauch aus der Fassung bringen?
Man kann. Ja, er ist schaffbar. Witzig auch hier die bohrenden Untertöne des Kandidaten Bausinger bei Wer Wird Millionär, die Jauch liebevoll zerlegen und seine cool konternde Bierruhe ankratzen, ihn mehr als leicht beben lassen. So einen Kandidaten hat die Welt noch nicht gesehen. Wie es ausgeht? Überraschung! Lesen Sie selbst!
Auf solche und ähnlich interessante Fragen gibt dieses Buch schönste Antworten. Jedem sind die Gedanken sofort präsent, sie holen jene Dinge ans Licht, die wir ahnen, aber eben nicht mehr aussprechen, weil wir den Helden der Mattscheibe zu oft zuhören. Die schönste Geschichte - und jeder kann sie so gut nachempfinden - ist die von Anton, den der Erzähler im Krankenzimmer liegend trifft - und notgedrungen dessen Fernsehkonsum miterleben muss. "In dieser Phase wurde mir klar, dass er der ideale Fernsehzuschauer war, ein freundlicher Allesfresser, der ein hybrides Zapporgan in sich trug und dem die Verfügungsgewalt über die Fernbedienung die Illusion völliger Souveränität vermittelte."
Wenn Sie aus dieser Zappfalle wieder aufstehen und hinter den schwachen Glanz der Mattscheibe blicken wollen, ist dieses Buch erste Pflicht. Ich fürchte nur, dass es lediglich jene erreicht, die ihren Konsum schon längst gedrosselt haben. Aber es verspricht diesen in jedem Fall beste Unterhaltung - auf Kosten eines Mediums, dessen Verblödungsfaktor unwidersprochen und exponentiell zugenommen hat.