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In allen Unternehmen bilden sich mit der Zeit bestimmte irrationale Zustände und Überzeugungen heraus, die nicht mehr infrage gestellt werden. Hartnäckig und selbstkritisch Und oft ist das Topmanagement die letzte Instanz, die davon Notiz nimmt. Viele Führungskräfte und Berater liebäugeln daher mit der Rolle des Querdenkers. Aber wer kann diesen Advocatus Diaboli spielen? Manche Unternehmen wie Daimler-Benz oder Siemens beschäftigen "berufsmäßige" Querdenker. Ein Vorbild dafür wird häufig in der Person des Hofnarren gesehen (siehe beispielsweise das hübsche Buch von: Wüthrich, Winter und Philipp, "Die Rückkehr des Hofnarren", Gellius 2001). Doch unsere heutige Vorstellung vom Hofnarren, der den Oberen einen Spiegel vorhalten durfte, ist romantisiert. Geprägt wurde das Bild des weisen Hofnarren von wenigen Ausnahmegestalten, die meist in Erscheinung traten, wenn sich die Macht der Ritter und Fürsten bereits dem Ende neigte. Tatsächlich wurde selten auf Hofnarren gehört - sie dienten mehr der Belustigung. Oftmals waren es gar Zwerge oder Behinderte, über die zu lachen man wenig Hemmungen hatte. Unverblümtes und realistisches Feedback ist allerdings ein kostbares Gut für Manager der obersten Ebenen. Und sie können auch viel dafür tun, es zu bekommen. Nur selten werden sie aber tatsächlich die Wahrheit über sich selbst und das Unternehmen erfahren. Es hilft also nichts: Topführungskräfte müssen selbst kritisch sein. Dies ist ohnehin - zu Recht - eine Managertugend: anderen nicht nach dem Mund reden, sondern auch unbequeme Überzeugungen beharrlich verfechten. Wie man dabei wirklich unabhängig, falls nötig sogar radikal denkt und sich um keinen Preis von einer trägen, verbohrten oder gar feindlich gesinnten Umwelt beirren lässt, das erfahren Leser im Buch des erfahrenen Journalisten Christopher Hitchens. In Briefen an einen jungen Schriftsteller zeigt er, wie man unter schwierigsten Bedingungen Haltung bewahrt; warum man sich nicht scheuen sollte, die Leute mit Hartnäckigkeit zu langweilen; warum das hohe Ross ein Tier ist, das man tunlichst in greifbarer Nähe anbinden sollte; und warum Harmonie kein erstrebenswertes Ziel ist. Als Verfasser von kritischen und Aufsehen erregenden Biografien über Henry Kissinger, Mutter Theresa und Bill Clinton hat der Autor seine Unerschrockenheit auf der Suche nach der Wahrheit demonstriert. Nun gehören überzeugte intellektuelle und politische Querulanten wie Hitchens gewöhnlich kaum zu den bevorzugten Anschauungsobjekten für Manager. Was ihn gegenüber ideologischen Radikalen auszeichnet, sind Humor, Geist, Augenmaß und ein geradliniger Humanismus. Ein außergewöhnliches Buch, das einen Platz auf dem Nachttisch jüngerer wie älterer Führungskräfte verdient.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 20.02.2003
Vom akademisch anmutenden deutschen Titel ("Verteidigung der kritischen Vernunft") sollte man sich nicht "irritieren" lassen, meint Rezensent Jens Bisky, hier handele es sich eher um die "Verhaltenslehre" eines Dissidenten. Was auch schon das erste Problem aufwerfe, denn wie lehrt man Dissidententum? Hitchens schreibt einem jungen Mann, der sich auflehnen will, und beruft sich dabei auf Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter", was dem Rezensenten seltsam vorkommt, scheint doch Rilke nicht von dem Talent des jungen Dichters überzeugt gewesen zu sein. Hitchens rate also zur "Unangepasstheit", zur Flucht vor dem "Konsensus". Doch Bisky findet daran problematisch, dass solche Ratschläge bereits eine Autoritätsposition voraussetzen. Und so ähnelt das Buch seinem Coverbild, das Hitchens in "romantisch-cooler" Haltung präsentiert, mit provokativer Zigarette: Es besitzt die "Aura der Vergeblicheit", erklärt Bisky.
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