Wie unabhängig ist der amerikanische Independent-Film wirklich? Reicht ein Autonomie beschwörendes Etikett heute noch aus, um sich vom Hollywood-Mainstream abzugrenzen? Oder hat die Bezeichnung inzwischen eher symbolischen Wert? Ausgehend von diesem Fragenkomplex widmet sich Andreas Jahn-Sudmann in seiner soeben erschienenen Dissertation einem in seinen Grundsätzen widerspenstigen Phänomen, das vielleicht schon längst gezähmt ist.
Für Jahn-Sudmann funktionieren die Begriffe Mainstream und Independent nicht länger als ideologisch überbaute Antipoden, die filmische Produktionen eindeutig voneinander trennen. Wie in vielen kulturellen Bereichen sind die Grenzlinien durchlässig geworden. Aus Sicht des Autors handelt es sich beim gegenwärtigen amerikanischen Independent-Film um „eine vielschichtige und widersprüchliche kulturelle Praxis, die die [...] Grenzen zwischen Kunst und Unterhaltung, Mainstream und Avantgarde, high culture und low culture überschreitet und sowohl widerständige als auch hegemoniale und ideologische Einschreibungen in sich trägt." (20) Diese offene Einschätzung der gegenwärtigen Sachlage spiegelt einerseits den undogmatischen Gestus der Arbeit und verweist gleichzeitig auf die Notwendigkeit eines fundierten und ausdifferenzierten wissenschaftlichen Ansatzes.
Die methodische Grundlage bilden die Cultural Studies. Sie sind durch ihr multiperspektivisches Potential besonders geeignet, um sich dem komplexen Gegenstand des amerikanischen Independent-Kinos anzunähern. Die Bezugnahme auf poststrukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze einer ideologiekritischen Diskursanalyse eröffnet der Untersuchung zusätzlich eine kulturtheoretische Perspektive. Diese breite kulturwissenschaftliche Fundierung ist notwendig, um dem Fokus der Arbeit, der Politik der Repräsentation im US-Independent-Kino, gerecht zu werden, insbesondere da sie über den im engeren Sinne filmwissenschaftlichen Tellerrand hinausschaut, „mit Blick auf hegemoniale Vorstellungen der US-amerikanischen Kultur insgesamt, sei es hinsichtlich Fragen und Kontexten der Repräsentation von Geschlecht, sexueller Orientierung, Klassenunterschieden, race usf." (14)
Die Arbeit erweist sich trotz ihrer komplexen Konzeption als übersichtlich und in ihrer Argumentation stringent. Sie besteht aus drei großen Teilen, die als textuelle Einheit gelesen werden können, aber auch eine punktuelle Lektüre ermöglichen. Der erste Abschnitt enthält - sieht man von der Einleitung und den Informationen zum Stand der Forschung ab - drei Kapitel. Neben der Diskussion definitorischer Möglichkeiten und Grenzen enthält er eine Darstellung der historischen Entwicklung und derzeitigen Situation des Independent-Films im Spannungsfeld industrieller Determinanten und textueller Praxen. Der zweite Teil der Arbeit in zwei Kapiteln erläutert die methodischen und theoretischen Grundlagen und überträgt sie auf die Repräsentations-Politik im US-amerikanischen Independent Film. Der letzte Teil der Arbeit überprüft die bisherigen Ergebnisse anhand ausführlicher Einzel-Analysen. Die politics of representation in Filmen wie BOYS DON'T CRY (Kimberly Peirce, 1999), THE WATERMELON WOMAN (Cheryl Dunye,1996), HAPPINESS (Todd Solondz, 1998), PECKER (John Waters, 1998) und SUE (Amos Kollek, 1997) dokumentieren die gegenwärtige Bandbreite unabhängiger amerikanischer Kino-Produktionen sowie ihre jeweilige Nähe bzw. Distanz zum Mainstream.
In seiner Schlussbetrachtung fällt Jahn-Sudmann kein Urteil über Leben oder Tod des alternativen amerikanischen Kinos. Dennoch geht er davon aus, dass der amerikanische Independent-Film, im Vergleich mit den Mainstream-produktionen der Major-Studios, noch immer die kulturelle Praxis darstellt, in der am ehesten politisch progressive Interventionen stattfinden (347). Totgesagte leben eben länger.
Die Arbeit stellt eine wissenschaftliche Gratwanderung dar. Sie vermeidet einen Rundumschlag, der zwar den Gegenstandsbereich markiert, aber keinen Raum für weitergehende Überlegungen lässt. Gleichzeitig sind die an der Politik der Repräsentation ausgerichteten Einzelanalysen nicht so kleinteilig, dass das übergeordnete Phänomen des Independent-Kinos und der Kontext in dem es steht, aus dem Blick geraten. Der Arbeit gelingt ein Brückenschlag zwischen Zusammenschau und Tiefenanalyse. Das Ergebnis ist ambitioniert, aber keineswegs sperrig und in jedem Fall lesenswert. Insgesamt hebt sich die Publikation von der Masse filmwissenschaftlicher Veröffentlichungen ab und bereichert nicht nur die deutschsprachige Literatur zum amerikanischen Independent-Kino. Sie gleicht sich in ihrer Strategie interessanterweise ihrem Gegenstand an. Dort wo es sinnvoll erscheint, dockt sie am ‚wissenschaftlichen Mainstream' an. An einigen Stellen stößt sie sich aber erfreulicherweise von ihm ab. Jahn-Sudmann setzt bisherigen Untersuchungen zum alternativen amerikanischen Kino einen eigenen Blick entgegen und macht sich damit ein Stück weit ‚unabhängig'.