Es ist schade, dass das ganze Potential dieses Buches nie ausgeschöpft werden konnte, da Imre Lakatos leider zu früh verstarb. Das Buch war eigentlich als ein Schlagabtausch zwischen Feyerabend und Lakatos geplant, wobei Feyerabend die Seite des Methodenpluralismus und des Anarchisten einnehmen sollte und Lakatos, als Schüler Poppers, die des kritischen Rationalismus (auch wenn er sich von Popper entfernt hatte). Da sich Lakatos Part nicht mehr aufnehmen ließ, werden vielleicht viele Leser nicht mehr die Seitenhiebe gegen den kritischen Rationalismus in Poppers Fassung oder in Lakatos Abwandlung wahrnehmen. Das trübt trotz des vorbildlichen Stils Feyerabends den Lesegenuss in meinen Augen doch ein. Ich kann daher nur empfehlen, wenigstens die ersten 100 Seiten von Poppers "Logik der Forschung" zu lesen, um das Buch noch besser nachzuvollziehen. Um Feyerabends Pluralismus zu verstehen, bzw. seine Position zum Pluralismus, ist das aber nicht nötig. Ein weiteres Highlight ist für mich auch das Kapitel über die Position der Kirche zu Galilei. Hier ist Feyerabend eine Entmystifizierung des empirischen Helden Galileis der modernen Naturwissenschaften gelungen, ohne Galileis Leistung auch nur im Geringsten Herabzuwürdigen. So war mir z.B. nicht klar, dass die Berechnungen der Kirche auf Basis des ptolemäischen Weltbildes wesentlich genauere Prognosen erlaubten als Galileis Berechnungen, da sie ein paar Rechenfehler enthielten. Nachahmenswert finde ich auch Feyerabends Inhaltsverzeichnis: Auf Überschriften verzichtet er gänzlich, stattdessen findet man nur ein kleines Abstract über jedes Kapitel, dass die Kernaussagen griffig zusammenfasst. Wissenschaftstheoretiker wie Ernest Nagel haben Feyerabend zwar schon einige Jahre vor dem Erscheinen dieses Buches die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen, für mich bleibt Feyerabend aber dennoch einer der einfallsreichsten Theoretiker, der sich ' meiner Meinung nach - gar nicht einmal soweit vom kritischen Rationalismus entfernte: Denn mit seinem provokativen und leicht lesbaren Schreibstil wird er sowohl der Forderung nach Einfachheit als auch nach provozierenden Hypothesen sehr wohl gerecht.
Trotz des vielen Lobes hat das Buch auch seine Schwächen. Erstens hatte Feyerabend eine chaotische Arbeitsweise, sodass das Buch eher ein Bündel verschiedener Essays mit stellenweise wissenschaftshistorischen Exkursen ist. Zweitens gibt es ungefähr in der Mitte des Buches einige dieser historischen Exkurse, die doch sehr langatmig sein können. Drittens fehlt Lakatos Teil, weshalb der Leser evtl. zu stark in eine Richtung beeinflusst werden könnte. Feyerabend hat stellenweise bewusst seine Rolle des Anarchisten in diesem Buch sehr stark betont, obwohl er es mit der Anarchie in der Wissenschaft, bzw. einen Methodenpluralismus genauso hält wie mit dem Schweinebraten und der Vernunft: "Gegen die Vernunft habe ich nichts, ebenso wenig wie gegen Schweinebraten. Aber ich möchte nicht ein Leben leben, indem es tagaus tagein nichts anderes gibt als Schweinebraten". Das gleiche betont er an einer Stelle in "Wider den Methodenzwang" auch für das Schlagwort "Anything Goes". Wenn es nur noch ein "Anything Goes" gäbe, wäre Feyerabend auch dagegen gewesen.