Nein-nein, CD-Titel und Abbildung entsprechen nicht der Wahrheit. Amanda Palmer, noch in allerbester Erinnerung aus dem phänomenalen Debüt-Album der Dresden Dolls, ist quietschlebendig und legt nun solo in alter Frische stimmgewaltig los. Ein paar Begleitmusiker hat sie dabei; diesmal ist die Band etwas opulenter bestückt, aber trotz gelegentlichem Trompeten-, Geigen- und E-Gitarren-Einsatz zum Glück ohne musikalischen Overkill. Neben der Stimme bildet immer noch das gnadenlos bearbeitete Piano das Rückgrat. Und Amanda Palmers Gesangsstil ist sowieso immer noch unverkennbar, diese Kombination aus melancholisch getragenem Erzählen, hingerotztem Punk und furiosem Sprechgesang, der seine Zuhörer atemlos hinterherhecheln lässt. Diese mal gewaltige, mal zerbrechliche Stimme, die mühelos über die Oktaven, Tempi und Klangstärken hinwegtobt, immer mit dem Charme einer ausgehungerten Viper, die man am Schwanz gezogen hat. Diese Sängerin legt los mit einer gnadenlosen Ausdruckskraft, die sie gleich im ersten Takt für immer unterscheidet von den gesammelten Klonen der Top-ten-Damen. Glasklarer, messerscharf akzentuierter Gesang, egal welches Tempo sie hinlegt. Sowas gibt's nicht nochmal.
Und das, was die Dresden Dolls so einmalig machte, diese perfekte Kombination aus Kurt Weill und Punk, die ist auch noch da. Dennoch ist "Who Killed Amanda Palmer" kein müder Aufguss, sondern eine konsequente Weiterentwicklung. Bei aller Perfektion, allem Einfallsreichtum ist das Album dennoch melodiös (nicht umsonst denkt man an Kurt Weills beste Zeiten). Das Piano ist gelegentlich etwas zahmer geraten, aber immer noch eine Kriegserklärung an alles gefällige Barjazz-Geklimper. Amanda Palmer kann nicht nur singen, sondern sie weiß auch, wie's gemacht werden muss. Die Arrangements sind bis ins letzte Detail ausgefuchst, und dennoch kommen sie so behende daher, dass einem unterm Hören entgeht, welch musikalisches Können drinsteckt. Entfesselte Musik, die einem keinen Moment lang mit aufgetakeltem Kulturanspruch vor der Nase rumfuchtelt.
Das Spektrum ist breit: "Astronaut: A Short History of Nearly Nothing" als erster Track knüpft nahtlos ans erste "Dresden Dolls"-Album an, auch "Guitar Hero" erinnert an beste "Dresden Dolls"-Härten -- verstärkt um East Boy Ray von den Dead Kennedys. "Leeds United" zeigt, dass sich in diesen einmaligen Klang auch Trompetenfanfaren integrieren lassen; "Blake Says" und "Have to Drive" beweisen Balladen-Qualitäten in düsterster Stimmung und lassen einen Leonard Cohen vergleichsweise heiter-beschwingt erscheinen, und wer immer das Intro in "Strength through Music" daherrumpeln lässt -- er rumpelt daher wie Tom Waits nach dem Gesangsunterricht und passt einfach zu Palmers diesmal hingehauchten höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Das getragene "What's the Use of Wond'rin?" lässt eine ganz andere Amanda Palmer hören, die mühelos höchste Höhen erklimmt ohne Abstürze -- leider aber auch ohne diese scharfen Kontraste, die Palmer so charakterisieren. Den Kontrast liefert sie allerdings direkt anschließend nach: "Oasis" ist "Dresden Dolls" im "Beach Boys"-Stil. Wer sich's vorstellen kann, der stelle sich's vor. Alle anderen dürfen sich's anhören, die Glücklichen: Am besten gleich alle zwölf Songs mit Ecken und Kanten und Amanda Palmers Stimmgewalt.
"Who Killed Amanda Palmer" ist jedenfalls einer jener seltenen Glückstreffer ohne Füllmaterial, lässt knapp eine Stunde lang exzentrische Musik mit Ohrwurm-Qualitäten vom Stapel.
Ganz erreicht "Who Killed Amanda Palmer" allerdings nicht immer das Niveau vom "Dresden Dolls"-Debüt 2004, aber das ist ja kein Wunder; das war auch nicht mehr zu überbieten. Dennoch ruht sie sich nicht auf den Lorbeeren aus, sondern entwickelt ihren Stil überzeugend weiter, liefert ein Album ab, das sich von allem 08/15 abhebt, ohne sich im Anspruchs-Gehabe zu verheddern. Manchmal werden die Streicher oder die sakralen Zitate für meinen Geschmack etwas zu exzessiv eingesetzt und nehmen manchen Songs die letzte Schärfe, aber das sind höchstens kleine Kratzer am Gesamteindruck und stören nicht entscheidend. "Who Killed Amanda Palmer" ist ein kleiner (Rück-)Schritt für Amanda Palmer, aber erneut ein großer Sprung für jedes Plattenregal.
Allerdings ist das Booklet eher ein Fall für eingefleischte CD-Hüllen-Spartaner: Man liest zwar auf der Rückseite immerhin einen hinterlistigen Pseudo-Nachruf von Neil Gaiman, aber das war's auch schon. Wer z.B. gern die Songtexte nachgelesen hätte oder gern wüsste, wer das Intro von "Strength through Music" raunzt, muss sich schon an den Herrn Internet wenden. Sonst finde ich aber tatsächlich rein garnix zum Beanstanden. Aber umso mehr zum enthusiastischen Loben.