Mit "Whiteout" haben Autor Greg Rucka und Zeichner Steve Lieber einen ebenso spannenden wie ungewöhnlichen Comic abgeliefert. US-Marshal Carrie Stetko muss unter den lebensfeindlichen Bedingungen der Antarktis einen Mord aufklären. Mit "Whiteout: Melt" legen Rucka und Lieber nun den zweiten Teil der Mini-Serie vor und von der bedrückenden Enge der antarktischen Forschungsstationen geht es diesmal hinaus in die stillen Weiten des ewigen Eises, wo Stetko zusammen mit dem russischen Agenten Alex Kuchin hinter einigen Atomwaffendieben her ist.
War "Whiteout" im Grunde ein Antarktis-Krimi, so spielt "Whiteout: Melt" in einem ganz anderen Genre. Mehr ein Thriller fernab jeglicher Zivilisation, ein Action-Blockbuster vor der Kulisse des ewigen Eises. Carrie muss weg von der scheinbaren Sicherheit der Forschungsstationen und sehen, wie sie allein in der Einöde zurecht kommt. Das ewige Eis verzeiht keine Fehler und wer diese Gegend nicht richtig zu nehmen weiß, der kann den Ausflug in die eisigen Weiten schnell mit dem Leben bezahlen. Das weiß auch Carrie, als sie zusammen mit dem russischen Agenten Alex Kuchin in die Wildnis aufbricht, um die Verfolgung der Atomwaffen-Diebe aufzunehmen.
Lebte "Whiteout" noch von der Enge der Forschungsstationen und Abgeschiedenheit der dortigen Bewohner und der damit einhergehenden zwischenmenschlichen Spannungen, überschreitet Carrie in "Melt" noch eine ganz andere Grenze. Sie ermittelt komplett außerhalb der Zivilisation, wo gesellschaftliche Normen nichts mehr zählen. Was zählt ist nur noch das Duell zwischen Mensch und Eis und die Frage, wer den widrigen Bedingungen eher zum Opfer fällt: sie und Agent Kuchin oder die Männer, hinter denen sie her sind.
Der heimliche Hauptdarsteller ist damit natürlich auch die Antarktis. Steve Lieber fängt in seinen Bilder die beklemmende Weitläufigkeit des Raumes gekonnt ein und das dürfte für sich genommen schon schwierig genug gewesen sein, denn wie soll man unendliches Weiß darstellen? Aber Lieber bekommt das erstaunlich gut hin und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass "Whiteout: Melt" mit anderen zeichnerischen Mitteln als Liebers ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Skizzen wohl nicht halb so eindrucksvoll wäre.
Das ist vor allem auch deswegen der Fall, weil von den Bildern in diesem zweiten Band wesentlich mehr abhängt, als noch im ersten Band. "Melt" hat zwar einige spannende Momente, bleibt aber im Vergleich zum ersten Band dennoch wesentlich blasser. Auch wenn der Handlungsabriss spektakulär anmutet, der Plotaufbau lässt dann doch besonders am Ende einige Fragen aufkommen.
FAZIT: Und so bleibt "Whiteout: Melt" eben ein wenig hinter seinen Möglichkeiten und den durch den Vorgängerband geweckten Erwartungen zurück. Über weite Strecken beweisen Greg Rucka und Steve Lieber zwar, dass sie auch mit dieser Geschichte wieder mal viel Atmosphäre und Intensität zwischen zwei Buchdeckel gepackt haben, aber dennoch ist der Plot trotz des vielversprechenden Handlungsabrisses vor allem zum Ende hin um einiges schwächer.
Und doch kann auch dieser Umstand zumindest an der Tatsache nichts ändern, dass "Whiteout" an sich ein interessantes Setting mit schönem Noir-Einschlag, eine mutige Protagonistin und eine herausragende graphische Umsetzung in sich vereint nur war eben gerade der Plot im ersten "Whiteout"-Band durchgängig spannender und insgesamt überzeugender.