Whitechapel Murderer, Leather Apron, Jack the Ripper - man mag ihn nennen, wie man will; der niemals überführte Schlitzer aus dem Londoner East End ist zu einem Mythos geworden, dessen blutige Taten die Phantasie Unzähliger beflügelt haben. Auf ganz perfide Weise auch denjenigen, der hier in der TV-Miniserie "Whitechapel" sein Unwesen treibt: ein Nachahmer nämlich versetzt den östlichen Stadtteil hinter der Tower Bridge in Angst und ausgerechnet ein Neuling, ein "Papier-Polizist", kommt zum fragwürdigen Handkuss, den Fall zu klären. Der dt. Titel "Jack the Ripper ist nicht zu fassen" mutet etwas reißerisch an, passt aber bei näherer Betrachtung ganz gut. (Warum verrate ich weiter unten!)
Mit viel Sinn für Atmosphäre, guter Figurenzeichnung und fast soetwas wie Ehrfurcht vor dem Sujet bietet dieses britische Qualitätsprodukt spannende Unterhaltung. Sehr detailverliebt werden die Geschehnisse von 1888 gespiegelt und in das London von heute versetzt: das Entsetzen angesichts der Grausamkeit der Verbrechen, die Schwierigkeit der Ermittlungen (auch aufgrund polizeiinterner Faktoren), die Unzahl an Verdächtigen und falschen Geständnissen. Es scheint fast so, als würde sich die Geschichte wiederholen, und zwar auch was die "Auflösung" des Falles betrifft: denn tatsächlich ist "Jack the Ripper nicht zu fassen", was aber nicht heißt, dass er nicht gefasst wird. Ja, das mag ein wenig paradox klingen, allerdings werden jene, die "Whitechapel" schon gesehen haben, verstehen was ich meine. Ich möchte nicht verraten wie die Serie endet, aber so viel Spoilerei sei erlaubt: einen Namen bekommt der 2008-Ripper nicht (siehe da, der dt. Titel passt). Und eben das meine ich mit Ehrfurcht vor dem Sujet. Die Morde der Vergangenheit werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben und als bloße Effekthascherei benutzt, sondern als das angesehen, was sie nunmal sind: eine moderne Legende, deren Düsternis und Rätselhaftigkeit Grundlagen für eine großartige Geschichte sein können. Auch Alan Moore hat in seiner grandiosen Graphic-Novel "From Hell" darauf aufmerksam gemacht, dass gute Beiträge zum Ripper-Thema nur noch fiktive Geschichten sein können, die keinen Wahrheitsbezug mehr herstellen oder verkrampft nach einer Lösung suchen. Dies gelingt "Whitechapel" natürlich schon allein aufgrund der zeitlichen Versetzung; die Serie schafft es auf großartige Weise, die immer noch ungetrübte Wirkung der Legende für ihre Zwecke zu nutzen und das Publikum damit zu fesseln.
Auch wenn das Drehbuch an manchen Stellen ein wenig zu launig ist (im ersten Drittel gibt es tatsächlich einiges zu lachen!) und die Zwischenschnitte, die unter expressivem Einsatz von Farbfiltern immer wieder den phantomartigen Mörder, sein Messer und seine Taten zeigen, einige Male zu oft eingefügt wurden, so trübt das den Genuss nur wenig. Jeder, der sich für das Ripper-Thema interessiert, kann bedenkenlos zu "Whitechapel" greifen; aber auch Thiller-Freunde, die mit alledem nichts am Hut haben, dürfen einen Blick riskieren. Und schließlich ist die Produktion auch eine sichere Bank für alljene, die anspruchsvoll erzählte Geschichten mögen, die gekonnt mit historischen Motiven spielen. Ich selbst zähle mich zu ersteren und letzteren.