Nach den Alben Welcome To The Cruel World und The Will To Live hatte ich Ben Harper völlig aus den Augen verloren und wenn ich mir jetzt White Lies For Dark Times von Ben Harper & The Relentless 7 anhöre, kann ich mir das fast nicht verzeihen.
Haben mich auf vorgenannten Alben hauptsächlich die genialen Folkballaden begeistert, geht es auf dieser Platte aber ganz anders zur Sache. Die mit abgedämpften Saiten angeschlagene Gitarre beim Opener Number With No Name lässt mich an Lenny Kravitz denken, zu einer Zeit, als der noch voll im Saft stand.
Nach dem noch etwas zurückhalten Beginn von Up To Know kommt die Power-Gitarre zum Einsatz und mit Shimmer And Shine folgt der erste durchgehende Kracher, fast in Wolfmother-Manier. Lay There & Hate Me macht mit seinem souligen Gesang eine ebenfalls tolle Figur.
Harper ist retro, Harper ist modern, Harper ist immer wieder anders. Er schreibt grossartige Songs und er versteht es wie kein zweiter perfekt passende Arrangements zu wählen, damit seine Kompositionen ihre Wirkung nicht verfehlen. Ben Harper wandelt praktisch zwischen allen Musikstilen, Rock, Country, Folk, Reggae, Jazz, Funk...sogar bis zum Gospel gibt es kaum einen musikalischen Einfluss, den er nicht verwendet und er kommt trotzdem immer wieder ans Ziel. Er klaut dabei auch nicht oder kopiert die unterschiedlichen Stile. Bei Ben Harper verschmelzen die Einflüsse zu einem neuen, ureigenen Stil.
Why Must You Always Dress In Black ist schnell gespielter Bluesrock vom Feinsten und kaum ist der letzte Akkord verhallt, folgt direkt die feinsinnige, von Akustikgitarre und Klavier getragene Ballade Skin Thin. Auf Fly On Me spielt beinahe die Bassdrum und die High-Hat die Hauptrolle. Das muss man sich wirklich anhören, fast jeder Song bietet eine andere Inspiration.
Keep It Together (So I can Fall Apart) ist dann nochmals ein heraussragender Rocksong, der einen Lenny K. vor Neid erblassen lassen müsste. Zum Abschluss liefert Ben Harper noch zwei absolut grossartige Balladen ab: The World Suicide und Faithfully Remain.
White Lies For Dark Times ist eine der schönsten Überraschungen der letzten Zeit und diese Platte zwingt mich jetzt praktisch dazu, das Feld in Sachen Ben Harper von hinten aufzurollen, um zu erfahren, was mir seit The Will To Live noch so alles durch die Lappen ist oder ob dieses Album eher als eine Art musikalische Wiedergeburt zu betrachten ist.