„White Jazz" ist der letzte Band des aus vier Büchern bestehenden Epos über das Los Angeles Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre. Während der Roman „Die schwarze Dahlie" gegen Mitte bis Ende der 40er-Jahre und die Krimis „Blutschatten" sowie L.A. Confidential - Stadt der Teufel" zu Anfang der 50er-Jahre spielen, führt uns der Roman „White Jazz" in das Los Angeles des Jahres 1958.
Der Roman ist ein „echter" Ellroy. Wer liebenswerte Akteure, strahlende Helden und gradlinige Handlungen erwartet, wird hier enttäuscht. Treue, Ehrlichkeit oder Idealismus sucht man vergeblich. Statt dessen taucht man ab in die „Stadt der Engel", die sich als düsterer Sumpf aus Irrsinn, Korruption, Sex, Drogen und Gewalt entpuppt. Dementsprechend ist der Held und Erzähler der Handlung, Lieutenant Dave Klein, deutschstämmiger Polizeibeamter des Los Angeles Police Department (LAPD), nicht gerade ein Sympathieträger. Neben seinem Job als Polizeibeamter betätigt sich Klein als Miethai und Auftragskiller und trägt daher nicht zu Unrecht den Spitznamen „Der Vollstrecker".
Nachdem Klein gerade einem Zeugen des FBI, den er eigentlich schützen sollte, in Ausübung seiner Nebentätigkeit einen luftigen Abgang verschafft hat, erhält er dienstlich den Auftrag, einen scheinbar nebensächlichen Einbruchdiebstahl bei einem vom LAPD geduldeten Drogendealer zu untersuchen. Gleichzeitig tritt der mächtige Filmproduzent Hughes an ihn heran, um seinen „Filmstar" Glenda Bledsoe zu überwachen und belastendes Material gegen sie zu sammeln. Der dienstliche Auftrag bringt Klein auf die Spur eines wahnsinnigen Killers; der private Auftrag bringt ihn in die Arme der gutaussehenden Blondine Glenda, in die sich Klein unsterblich verliebt. Beide Aufträge bringen Klein in immer größere Schwierigkeiten, in ein kaum durchschaubares Dickicht von Gewalt, Verbrechen, Machenschaften korrupter Polizisten und gnadenlosen Verteilungskämpfen um Geld, Einfluss und politische Macht. Jeder betrügt jeden; jeder trickst herum, um skrupellos seine Ziele zu erreichen. Jeder trägt irgendein dunkles Geheimnis mit sich herum und irgendwie ist alles miteinander verknüpft.
Nicht nur Lieutenant Klein fällt es schwer, in diesem Chaos den Durchblick zu behalten. Auch der Leser hat es schwer, Namen und Daten auseinander zu halten und nicht den Überblick über die sich ständig erhöhende Zahl von Mordopfern zu verlieren. Schließlich wird die Suche nach dem wahnsinnigen Mörder beinahe zur Nebensache. Im Vordergrund steht mehr und mehr Lieutenant Klein, der durch den Strudel der Ereignisse immer weiter in den Abgrund gerissen wird und der durch Cleverness, gewagtes Taktieren und Brutalität versucht, sich und seine geliebte Glenda über Wasser zu halten. Gejagt vom Sheriff, der Mafia und seinem Auftraggeber Hughes, unter Druck gesetzt von FBI und LAPD, versucht Klein Licht in das Dunkel aus Korruption, Verbrechen und Machtgier zu bringen.
Dabei begegnen dem Leser Personen, die er schon teilweise aus den anderen Romanen der „Los Angeles-Reihe" kennt, wie Ed Exley, der gerissene Kripochef, Mickey Cohen, der Verbrecherkönig mit Verbindungen zur Mafia, und Dudley Smith, der dubiose und mächtige Leiter der Anti-Mafia-Abteilung des LAPD.
Ellroys Roman „White Jazz" ist meiner Ansicht nach einer der schwächeren Kriminalgeschichten des 1948 in Los Angeles geborenen Autors. Gleichwohl ist der Roman auf seine Weise faszinierend und fesselnd. Wer sich von der rüden Sprache Ellroys, den vielen Personen und ihren Querverbindungen, der verwirrenden und äußerst düsteren Handlung sowie ihrer enormen Brutalität nicht abschrecken lässt, wird mit spannenden Lesestunden belohnt. Wer dagegen noch nie einen Ellroy-Roman gelesen hat, wird vielleicht mit dem Krimi „Die schwarze Dahlie" besser bedient sein. Er ist nicht nur chronologisch der erste Band Ellroys über die Glanzzeit der amerikanischen Filmmetropole Los Angeles; er ist auch meines Erachtens eines seiner besten Werke.