Tom Gabel und AGAINST ME! machen es dem Fan der ersten Stunde mit ihrem aktuellen Output sicher nicht ganz leicht. Nicht jeder wird bereit sein diesen Weg mitzugehen. Das erkennt man ja schon an manch anderer Rezension hier. Denn der Weg führt raus aus den Jugendzentren, den kleinen, rauchigen Clubs - raus aus dem Punk der frühen Tage. AGAINST ME! transformieren sich mit WHITE CROSSES weiter. Sie klingen auf diesem Album viel mehr wie eine, ich will es mal überspitzt "Rockband mit Folk-Einschlag" nennenn. Der Bruch ist somit krass. Die Songs sind sehr eingängig geraten und weisen so gut wie keine Ecken und Kanten mehr auf. Trotzdem klingt die Platte nicht glatt oder überproduziert. Das liegt zum einen natürlich an Tom Gabels charismatischer Stimme und zum anderen an den immer noch herausragenden Texten. Denn nur weil die Musik sich verändert hat, muss dies nicht für die Anliegen ihrer Macher gelten. Die Emotion, der Wille etwas zu bewegen, der Wunsch nach einer besseren, gerechteren Welt ist nach wie vor die kreative Triebfeder. Nur ist jetzt alles etwas persönlicher, weniger auf das große Ganze abzielend. In einem Interview mit dem VISIONS Musikmagazin sagte Gabel kürzlich: "(...) Ich mache jetzt seit 1997 Musik. Seitdem hat sich so viel verändert. Alleine in der Musikindustrie, oder was amerikanische Politik angeht. Natürlich verändern sich da auch deine gefühle zu der einen oder anderen Sache. Ich bin ein anderer Mensch als damals. Da war ich 17, jetzt bin ich 30."
Die "Springsteen-isierung" hat also auch bei AGAINST ME! Einzug gehalten, aber sie bleiben trotzdem so eigenständig, dass man die aktuelle Scheibe nach dem ersten hören immer wieder in den Player legen möchte, um ihre einfache, direkte Genialität zu genießen. WHITE CROSSES ist somit in erster Linie den AGAINST ME! Fans zu empfehlen die mit der Band gewachsen sind. Die nicht zu den den ewig Gestrigen gehören und offen für neue musikalische Ausdrucksversuche sind. Auch Leute die bisher nicht so furchtbar viel mit dieser Band anfangen konnten sollten mal ein Ohr riskieren. Garnicht erst auf das "Sell out!" Geschrei hören, denn Freunde gut gemachter Rockmusik mit Herz und Verve sind hier hervorragend aufgehoben. Das gesamte Potential des Albums erschließt sich trotz dessen Eingängigkeit erst nach mehrfachen hören. Auf den ersten "Blick" gute Songs, wachsen zu zeitlosen Hymnen und so drängt sich fast zwangsläufig ein Vergleich zur neuen The Gaslight Anthem Platte "American Slang" auf. Und bei diesem Vergleich schneidet WHITE CROSSES meiner Meinung nach weit besser ab. Das Album wirkt reifer, in sich geschlossener und weniger kalkuliert. Vielleicht ist es ganz gut das AGAINST ME! bisher ein ähnlicher Hype wie bei The Gaslight Anthem verwehrt geblieben ist. Denn man hört hier ganz deutlich welche Vorteile es mit sich bringt, wenn man sich jeglichen Erwartungshaltungen wiedersetzt und nicht mit einem Auge auf den Szene-Coolness-Award schielt. Denn wie bemerkt Tom Gabel im bereits zitierten VISIONS Interview so schön: "Ich bin mir nicht sicher, in welche Szene wir überhaupt noch reinpassen." Zum Glück! Denn es zählt nur die Musik und die ist hier wirklich ausgezeichnet.
ANSPIELTIPPS: White Crosses/I Was A Teenage Anarchist/High Pressure Low/Rapid Decompression