Als die Beatles mit der Arbeit am "Weißen Album" begannen, hatten sie schon aufgehört, eine richtige Band zu sein. Sie hatten die anstrengenden Tourneen aufgegeben und jeder der Fab Four ging seinen eigenen Interessen nach. Selten fanden sich alle vier Musiker gleichzeitig im Studio ein, es bildeten sich zufällige Arbeitsgemeinschaften, machmal war auch der jeweilige Autor eines Songs mit George Martin allein im Studio.
Langsam zeichnete sich das Ende der Beatles ab, Ringo Starr verließ sogar für kurze Zeit die Band, weil er sich nur noch als das fünfte Rad am Wagen fühlte, konnte jedoch mit Blumen und Bitten zur Rückkehr überredet werden und lieferte mit "Don't Pass Me By" seinen ersten Beitrag als Songwriter. Das Team Lennon/McCartney zerfällt hier sichtlich, es gab des öfteren Unstimmigkeiten über die Richtung, die die Band einschlagen sollte und über die ständige Anwesenheit von Lennons neuer Liebe Yoko Ono im Studio, die auch viel Einfluß auf das Album nahm.
Die entstandene Freiheit nutzte vor allem George Harrison, der sich hier mit vier ausgezeichneten Beiträgen ("While My Guitar Gently Weeps" mit einem Gitarrensolo von Eric Clapton, "Piggies", einer wunderschönen Psychedelicnummer, "Long, Long, Long" und "Savoy Truffle") empfiehlt.
Im Gegensatz zum Vorgänger "Sgt. Pepper" gibt es auf dem "Weißen Album" kein einendes Konzept, es ist eine Sammlung einzelner Songs, bei denen die Stilvielfalt erstaunlich ist. Es gibt die klassischen Rocknummern ("Back In The USSR", eine sehr gelungene Persiflage auf den Frohsinns - Patriotismus der US - Konkurrenz The Beach Boys, "Why Don't We Do It In The Road", "Everybody's Got Something To Hide Except Me And My Monkey"), Psychedelisches ("Glass Onion", "Piggies"), Blues ("Yer Blues"), Country ("Rocky Raccoon", "Don't Pass Me By"), Folk ("Blackbird", "Mother Nature's Son") usw.
Die Vielfalt auf dem Album ist bis heute der Hauptgrund, warum es seine Faszination nicht eingebüßt hat und es wohl auch nie wird. Das "Weiße Album" zeigt die Beatles zwar nicht mehr als einheitliche Band, dafür aber als vier virtuose Einzelkönner, die ihre zahlreichen Einflüsse verarbeitet haben und etwas Eigenes daraus entstehen lassen. Neben einigen der besten Beatles - Songs, wie Lennons Geniestreiche "Dear Prudence", "Happiness Is A Warm Gun", "I'm So Tired", "Julia", "Sexy Sadie", eine Abrechnung mit Maharishi Mahesh Yogi, der sich nicht nur in spiritueller Absicht an die Schauspielerin Sharon Tate herangemacht hatte sowie der langsamen Version des Klassikers "Revolution", McCartneys "Rocky Raccoon", "Blackbird" oder "Mother Natures Son" findet sich hier auch einiges Absonderliche, das es wohl nicht auf das Album geschafft hätte, wäre dem Produzenten George Martin nicht seine bis dahin absolute Autorität entzogen worden (er mußte sich mit einer eher beratenden Funktion begnügen, die Beatles produzierten zum großen Teil selbst), so die von Lennons neuentdeckter Liebe zur Avantgarde inspirierte Tondbandschnipselcollage "Revolution No. 9" oder "Wild Honey Pie", das klingt, als hätte sich eine betrunkene Schülerband ins Studio geschlichen, was allerdings wieder den legendären Sinn der Beatles für den reinen Unsinn zeigt.
Nebenbei wird noch die immer wichtiger werdende jamaikanische Musik geehrt (in "Ob - La - Di, Ob - La - Da" (nigerianisch für "Life Goes On"),
ein munterer kleiner Song, den John Lennon nicht ausstehen konnte und den jeder aufrichtige Musikkritiker haßt und als Beweis für Paul McCartneys angebliche Oberflächlichkeit anführt, trotzdem eines der bekanntesten Beatles - Stücke) und Heavy Metal erfunden (mit "Helter Skelter", eine Trotzreaktion McCartneys auf "I Can See For Miles" von The Who, den der Melody Maker zum lautesten und härtesten Song aller Zeiten erklärt hatte. Paul meinte, der lauteste Song der Welt müßte von den Beatles stammen und schrieb dieses Stück, das in seiner Urfassung 24 Minuten lang war und Ringo am Ende zu der Bemerkung "I got blisters on my fingers!" (Ich hab Blasen an den Fingern.) hinreißt.).
Wenn das Album dann mit dem hübschen Schlaflied "Good Night" endet, ist man heute noch beeindruckt von der Kreativität, die die Beatles noch als schon zerfallende Band an den Tag legten.
"The Beatles" ist eines der der wenigen Alben, das man 1000 Mal hören kann und das trotzdem niemals langweilig wird.