Auch 2011 hatte wieder eine ganze Menge erstklassiker Filme zu bieten, "Whistleblower" gehörte in der Kategorie "Politfilm" jedoch mit zu dem besten in diesem Jahr und wusste die Zuschauer bereits auf dem Hamburger Filmfest zu begeistern. Auch wenn der Streifen schwer im Magen liegt und alles andere als leichte Kost für zwischendurch ist, wird, dem Thema zum Trotz, auf allzu explizite Gewaltdarstellungen verzichtet, das Grauen konstruiert sich größtenteils im Kopf des Betrachters. Das ist auch gut so, denn die Geschichte, ob in seinen Einzelheiten nun wirklich komplett auf wahren Begebenheiten beruhend, ist in seiner Gnadenlosigkeit und Unmenschlichkeit schon so schwer genug zu ertragen. "Whistleblower" ist eine großartige Komposition in unterschiedlichen Facetten. Die Kameraführung, die Fotografien, der sparsame Einsatz von Musik und Klangcollagen und die Entscheidung Rachel Weisz die tragende Hauptrolle zu überlassen, machen diese thematische Auseinandersetzung mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien zu einem beachtlichen Regiedebut. Von Larysa Kondracki, die ebenfalls das Drehbuch schrieb und zuvor nur durch zwei Kurzfilme in Erscheinung trat, wird man in der Zukunft wohl noch so einiges hören, oder besser gesagt sehen. Wie man Filme macht, insbesondere wie man mit Storyline, Dramaturgie, Spannungsbogen etc. umgeht, weiss sie, das hat sie bei "Whistleblower" eindrucksvoll bewiesen.
ACHTUNG, REZENSION BEINHALTET SPOILER
Kathryn Bolkovac ist Polizistin. Ihre Ehe ging in die Brüche, die Leidenschaft zu ihrem Beruf stand dem zweisamen Glück im Wege und so verlor sie nicht nur ihren Mann, sondern auch das Sorgerecht für ihre Tochter. Diese zieht zusammen mit ihrem Vater weg aus Nebraska. Die erhoffte berufliche Versetzung platzt und so muß Kathryn vorerst die Hoffnung aufgeben, in der Nähe ihrer Tochter eine neue berufliche Zukunft aufbauen zu können. Ihr Chef bietet ihr jedoch einen Job an, der sie nach Sarajevo führt. Dort soll sie als Teil einer amerikanischen und europäischen Spezialeinheit, bestehend aus Polizisten, ehemaligen Armeemitgliedern, Logistikern und Verwaltungsangestellten, die bosnische Polizei ausbilden und für die "Operation Demokratie" rüsten. Doch schon ziemlich schnell wird klar, dass der Krieg auf dem Balkan noch lange nicht beendet ist und sich die Spannungen, die zu dem Konflikt führten, nach wie vor existent sind. Die Feindseligkeiten, die zwischen Bosniern, Serben und Kroaten herrschten, endeten nicht mit der offiziellen politischen Verlautbarung, sondern finden, nicht nur in der polizeilichen Arbeit, ihre Aufrechterhaltung. Trotzdem macht sich Kathryn sehr schnell einen guten Ruf, da es ihrer tatkräftigen Unterstützung zuzurechnen ist, das es zum ersten Mal zu einer gerichtlichen Verurteilung aufgrund von häuslicher Gewalt und den damit eingeleiteten Ermittlungen kommt. Sie wird befördert und leitet von nun an eine Abteilung für Frauenrechte. Nach der Razzia in einem vermeinlichen Bordell beginnt für sie jedoch der ausweglos erscheinende Kampf gegen den organisierten Menschenhandel, gegen Ignoranz und politische Prioritätensetzungen, gegen ökonomisch bedingte Interessen der unterschiedlichen "friedensstiftenden Institutionen" unter dem Dach von UN Entscheidungen und gegen machtbesessene und sadistische "Demokratisierer". Das Bordell stellt sich in Wirklichkeit als ein Platz heraus, an dem junge Frauen zu abartigen und sadistischen Praktiken gezwungen werden, Frauen aus der Ukraine und Russland, die den "Friedensstiftern", UN Mitarbeitern und eingesetzten Polizisten zur Verfügung stehen müssen. Kathryn beginnt ihre Ermittlungen und scheitert schon zu Beginn an einem bürokratischen System, welches Menschenhandel und Zwangsprostitution verachtend unter "Huren des Krieges" subsumiert, an hochrangigen informellen Ebenen, die sich mehr Gedanken über die negative Aussenwirkungen einer möglichen Aufklärung des Skandals machen. Über den Verlust monetärer Unterstütung, welche sich im Milliardenbereich ansiedeln lässt, als über die Beendigung der menschenverachtenden Praxis und dem Beginn von Anklagen und Verurteilungen aller daran beteilgter Personen.
SPOILER ENDE
Larysa Kondracki greift ein abartiges Thema auf, nämlich SexTraffic auch als Folge einer unkontrollierbaren Situation. Männer, die als Teil einer Befriedungsstrategie und zur Demokratisierung eines durch Krieg und etnische Säuberungsaktionen gekennzeichneten Landes eingesetzt werden, die schlimmste Verbrechen an Frauen begehen, vergewaltigen, ausbeuten und zerstören, aufgrund des Wissens, dass ihr Verhalten nicht sanktioniert wird, gedeckelt durch ein auf Profit ausgerichtetes System. Wie bereits erwähnt, dies tut Larysa Kondracki in einer unglaublich realistischen und spannenden Weise. Der Film tut weh und bohrt sich ins Hirn und Herz. Neben Rachel Weisz sind auch die Nebenrollen perfekt besetzt, Vanessa Redgrave, David Strathairn und Monica Belucci als kalte und emotionslose Macht- und Prestigefrau wissen zu überzeugen und sorgen für eine in sich stimmige filmische Umsetzung einer traurigen Geschichte über Krieg, Ausbeutung und Herrschaft als Teil menschlicher (männlicher) handlungspraktischer Potentiale. Wer mit Filmen wie
Fair Gameoder auch
Der Ewige Gärtner (Einzel-DVD) gut klargekommen ist, wobei diese keine thematischen Ähnlichkeiten in Bezug auf die erzählte Geschichte aufweisen, sondern der Vergleich sich auf die Umsetzung und kritische Herangehensweise bezieht, sollte diesem Fim eine Chance geben, es könnte sich lohnen.
Die DVD hat neben dem Film relativ wenig zu bieten. Neben den obligatorischen Subtitles und Tonspuren (Original und deutsch) und ein paar Filmtrailern, gibt es nicht viel.