Dieser Jugendroman von Isabel Abedi ist wunderbar gelungen. Spürbar nimmt die geheimnisvolle Atmosphäre den Leser gefangen, die psychologischen Windungen und Inhalte des Romans sind genial. Alle Bereiche menschlicher Leidenschaften werden abgedeckt und ausgearbeitet. Sei es nun Begehren, Verlangen, Liebe, Hass oder Eifersucht, alle Abgründe der menschlichen Seele werden beleuchtet und passend eingeflochten. Fast alle der Protagonisten machen im Laufe des Sommers eine charakterliche Entwicklung durch: Noa lernt zu vertrauen, David merkt, dass er nicht allein gegen alle Widerstände des Lebens angehen muss, Kat scheint endlich aus dem Kreislauf ewig neuer Liebhaber ausbrechen zu können. Eine weitere Gemeinsamkeit der Figuren ist auch ihre dunkle und gehütete Vergangenheit. Der Leser muss sich viele Ereignisse und Traumata der Vergangenheit selbst zusammenreimen, was durch diverse Hinweise erleichtert und am Ende aufgeklärt wird. Dies grenzt den Roman von den üblichen Krimis ab, denn hier arbeitet sich der Leser nicht nur in den Fall ein, sondern lernt auch verschiedene Charaktere kennen, mit denen er sich auf die eine oder andere Weise identifizieren kann.
Der Roman spricht ernste Themen an: Liebe, Missbrauch, Behinderungen, soziale Ächtung und Mord werden ausgearbeitet, daher ist dieser Roman nicht für sehr junge Leser zu empfehlen. Ich persönlich würde es für Leser ab vierzehn Jahren empfehlen.
Das Buch ist sehr schön aufgebaut, vor allem, da am Anfang jedes Kapitels ein Ausschnitt aus Elizas Tagebuch steht, der auch diesen Charakter dem Leser näher bringt. Vor allem tragen diese Ausschnitte zur knisternden Spannung bei, die das Buch beherrscht, da sie Elizas eigene Ansicht über ihre Geschichte zeigen und auch auf die beängstigenden Parallelen zwischen den Geschichten aufmerksam machen. Sind die Geschehnisse auch durch einen Zeitraum von 30 Jahren voneinander getrennt, sie scheinen sich doch zu wiederholen.
Die Aufmachung ist ebenfalls sehr gelungen, der schwarze Schutzumschlag verdeutlicht die Düsternis, die immer wieder im Buch erscheint, die einzige Verzierung bildet Elizas rotes Juwel und der Schriftzug „Whisper“. Das Buch heißt so, da Noa das Haus im Nachhinein so nennt, aufgrund seiner geheimnisvollen Ausstrahlung und der unheimlichen Erlebnisse, die sie in ihm erlebt hat.
All dies ergibt ein wunderbares Jugendbuch für alle Jugendlichen, die sich für übersinnliche Geschehnisse und für Krimis begeistern können. Doch sollte man betonen, dass nicht nur seelische Abgründe diesen Roman dominieren, auch die Freuden von Freundschaften und der ersten wirklichen Liebe werden dargestellt. Sehr positiv wirkt sich auch aus, dass die Spannung durchgehend erhalten bleibt, erst im letzten Kapitel kommt es zum überraschenden Finale.