Es gibt ein Japan abseits der touristischen Hotspots. Bei Licht betrachtet liegt sogar der größere Teil Japans abseits der Hochglanz-Bildbände: in den Seitenstraßen, den Hinterhöfen, verborgen und gerade deshalb wert, entdeckt zu werden. Andri Pol ist mit seiner Kamera auf diese Entdeckungsreise gegangen und er hat Erstaunliches dokumentiert. Viele seiner Fotos wirken auf den ersten Blick unspektakulär und ich stand zunächst etwas ratlos davor. Bis ich das dahinterliegende Prinzip irgendwann verstand. Jedes Foto ist auf irgendeine Weise absolut typisch für Japan: Der extreme Kontrast zwischen einer hochtechnisierten Industrienation und einer uralten, immer noch höchst lebendigen Kultur. Die Konkurrenz zwischen Naturverehrung und Naturbezwingung. Der Widerspruch zwischen öffentlichem und privatem Leben. Der übermächtige Drang nach Ordnung und Harmonie, auch unter widrigsten Bedingungen. Vieles klingt für Europäer unvereinbar, für Japaner besteht aber meist kein Widerspruch. Japan ist das Land des sowohl-als-auch.
Man muss sich auf den Blick des Fotografen einlassen, dann wird man reich belohnt. Es ist kein klassisch ästhetischer Blick, die Fotos wirken meist trist und melancholisch, unterstrichen durch die geringe Farbsättigung und den abgeschwächten Kontrast. Aber dieser Blick dokumentiert einen Teil des wahren Japan und er blickt meiner Meinung nach tiefer in die japanische Seele, als so mancher kluger Aufsatz es darzustellen vermag.
Zum Schluss allerdings ein Kritikpunkt: Die Verarbeitung des Buches ist für mich nicht wirklich zufriedenstellend: Das Papier ist nicht schön, wellt leicht und der Druck wirkt auf mich ein wenig wie bei einem "book on demand", also etwas rauh und stumpf. Das kann man besser machen.