Rubensteins "Als Jesus Gott wurde" (When Jesus became God) stellt eine Rarität dar, die seinesgleichen sucht: Mehr als zwei Jahrzehnte widmete der Autor der sorgfältigen Erforschung des "Arianischen Streits" (Arian controversy), durchforstete die hierzu vorhandene Fachliteratur und holte sich den Rat anerkannter Historiker und Theologen ein. Das Ergebnis: Aufs Neue erlebt der Leser den "monumentalen Streit über die Göttlichkeit Jesu" (so der Untertitel des Buches). Mit dieser Methode des "Storytelling" gelingt es Rubenstein aber nicht nur, spannend und leicht verständlich "nachzuerzählen". Nein, auch eine Fülle historischer Fakten (!) wird vermittelt, die dem Leser einen (sonst nur schwer zugänglichen) Informationsschatz bietet, die philosophisch & politisch geprägte Entwicklung des katholischen Dogmas der "Dreieinigkeit" zu erfassen und es (im Lichte des eigenen Gewissens oder - so man will - des Wortes Gottes) zu hinterfragen (sofern hierzu Interesse und die notwendige Unvoreingenommenheit vorliegen).
Die detailgenaue Schilderung der Kirchengeschichte von Kaiser Diokletians Christenverfolgung (303-311) bis hin zur Regentschaft Theodosius des Großen (-395) macht deutlich, dass es bei der "Gottgleichstellung Jesu" nicht um ein "in Worte Fassen biblischer Grundwahrheiten" ging (wie heute vielerorts angenommen), sondern a) soteriologische (wie wird der Mensch erlöst?), b) die Institution Kirche betreffende und c) antijüdische Fragen im Vordergrund standen.
Der Priester ARIUS lehrte "Es gab eine Zeit, da Jesus nicht war" und "betonte, dass er sich seine 'Adoption' als Sohn und seine 'Promotion' zu göttlichem Status durch moralischen Wachstum und Gottesgehorsam verdient hatte" (S. 55). Bischof ATHANASIUS hingegen meinte, "der Sohn sei identisch mit dem Vater" (S.79).
a) "Während Arianer (folglich) dazu neigten, die Fähigkeit des Menschen zu betonen, Jesu moralischem Beispiel zu folgen, richteten Anti-Arianer... ihre Aufmerksamkeit auf die kontinuierliche Selbstversklavung des Menschen, welche die Notwendigkeit eines Christus', der Gott sei, implizierte" (S. 96). "Optimismus" (S. 229) und "Pessimismus" (S. 224) standen sich gegenüber.
b) Riefen die Evangelien den Menschen dazu auf, Jesu "Beispiel eines liebenden, gerechten und (den Menschen) umgestaltenden Verhaltens" (S. 229) zu folgen, so betraf Erlösung das Individuum und zu Recht "reduzierte der Arianismus die Rolle der Institution Kirche" (S. 64). War der Mensch hingegen unfähig, dem Beispiel Jesu zu folgen, so konnte "dem hilflosen Menschen nur ein starker Gott (bei Athanasius verstanden als Jesus!), eine starke Kirche und ein starkes Reich die Sicherheit bieten, nach der er sich sehnte" (S. 74).
c) Zudem die Frage nach "historischer Kontinuität" (S. 73): Die Arianer sahen im Christentum die "natürliche Erweiterung... des Judentums", während Anti-Arianer "ihre Gegenwart als starken Bruch mit der Vergangenheit" auffassten (S. 74).
Kaiser KONSTANTIN DER GROßE (-337) tendierte (zunächst einmal) zur Theologie des Athanasius. Warum nur? Zog der Sonnenanbeter und mehrfache Menschenmörder plötzlich etwa biblische Motive zu Rate? Weit gefehlt! (unter obigem Absatz b) und c) findet man schon eher die Antwort!): "Er verabscheute das Judentum... und betrachtete das Große Konzil (von Nicäa im Jahre 325) als eine Gelegenheit die Lage der Kirche zu stärken... indem er sie dogmatisch einte" (S. 74).
Die Beschreibung dieses Konzils (unter Kapitel 4) ist eines DER "Sahnestücke" im Werk Richard Rubensteins. Man vergleiche die "weitläufigen Meinungen" mit den historischen Fakten (Welch Licht Rubenstein hier in die Dunkelheit bringt!):
War das Konzil von Nicäa "ökumenisch" (= die Gesamtheit der Christenheit repräsentierend)? - Nichts ist irrtümlicher als das! Von den über 250 Bischöfen "kamen nur eine Handvoll aus dem Westen (des Römischen Reiches). Das Konzil von Nicäa war folglich nicht allumfassend. Trotzdem wird es überall als erstes ökumenisches (oder allumfassendes) Konzil der Katholischen Kirche betrachtet. Mehrere spätere Zusammenkünfte wären eher repräsentativ für die Gesamtheit der Kirche; eine davon, das Gemeinschaftskonzil von Rimini-Seleukia (359), wurde von mehr als 500 Bischöfen sowohl aus Ost und West besucht. Wenn es ein Treffen gibt, das den Titel "ökumenisch" verdient, so scheint dieses berechtigt zu sein, aber sein Ergebnis - die Verabschiedung eines arianischen Glaubensbekenntnisses - wurde später von der Kirche abgelehnt... (Das Konzil) verschwand geradezu aus der offiziellen Kirchengeschichte" (S. 75).
Aber wurde denn auf dem Konzil von Nicäa nicht "einfach nur beschlossen, dass Jesus eben göttlich war? Was ist denn so schlimm daran?" (mag man sich fragen). - Auch hier weit verbreiteter Irrtum! - Der Arianer (!) EUSEBIUS VON CAESAREA war es, der zunächst als Bekenntnis vorschlug, Jesus sei "der Logos Gottes, Gott von Gott, Licht von Licht, Leben von Leben,..." (S. 78). Damit gaben sich die Anti-Arianer jedoch nicht zufrieden, da die Phrase "nicht unbedingt meinte, der Sohn sei identisch mit dem Vater" (S. 79). Man fügte das "wichtigste unbiblische Wort der Geschichte des Christentums - homoousios" ein, wobei "ousia" die Substanz meinte, "homo" wiederum "das selbe" (ebd.). Dies bedeutete, "Jesus Christus, der Sohn des Menschen und der allmächtige, unerkennbare Schöpfer sind aus demselben Grundmaterial (engl. essential stuff) gemacht!" (S. 80). Und um dies völlig unzweideutig festzumachen, wurde zum arianischen Bekenntnisvorschlag hinzugefügt, Jesus Christus sei "wahrer Gott vom wahren Gott"... "eine Antwort auf Arius' Beteuerung, Jesus sei göttlich aber nicht identisch mit dem Schöpfer" (S. 82).
Die obigen Beispiele zeigen nur all zu deutlich, wie Rubensteins Buch "Als Jesus Gott wurde" aufklärend wirkt - historische Fakten werden vermittelt, die dem Laien weitgehend unbekannt sind... Dem einfachen Nichttheologen wird hier auf leicht verständliche Weise der Weg aus der (selbstverschuldeten?) Unmündigkeit erleichtert...
Der Leser erfährt weiterhin von Straßengangs, Intrigen und Gewaltanwendungen (bei Athanasius sogar eine Art von Gewalt, die seinerzeit selbst Anti-Arianer verurteilten). Man "erlebt" spannende Jahrzehnte des Hin- und Her; Arianer, die mehr und mehr Richtung "theologischem Zentrum" rücken; man erfährt von Constantius' II. (-361) Suche nach einer alle Gruppen zufrieden stellenden Formel, ist bei einem Neujahr (360) dabei, in dem für kurze Zeit das gesamte (!) Römische Reich unter den Arianismus kam (S.191)); dank des gelungenen "Storytelling" meint man förmlich mit zu beobachten, wie Kaiser Valens in der Schlacht von Adrianopel (378) fällt, dessen Tod wiederum von Nicäa-Anhängern als "Gottes Gericht über die arianische Häresie" (S. 218) interpretiert wird und das weltgeschichtliche Ende der Arinaer einläutet.
Wer neben diesen spannenden Ereignissen erfahren möchte, wo der geschichtliche Ursprung der in Kirchenkreisen verbreiteten Äußerung liegt (Jesus ist Gott; zugleich aber nicht (!) Gott), sei auf Rubensteins 10. Kapitel und die darin vorgestellten "drei Kappadozier" (S. 204) verwiesen. Diese nämlich stellten (einen Fehler (!) des Nicäa-Konzils berichtigend) den theologischen "Kniff" auf, Gott und Jesus bestünden zwar aus einer "ousia", bildeten jedoch zwei unterschiedliche "hypostasen" ... Man wird wohl eben hier mit Rubenstein schlussfolgern: "Man fragt sich, was würde Jesus damit anfangen?" (S. 119).
Angesichts solch antiker Gedankenakrobatik scheint folgende Äußerung des Autors den Nagel auf den Kopf zu treffen: "Übereinstimmung kann nicht mit Hilfe verbaler Formeln geschaffen werden. Schwerwiegende Streitigkeiten werden selten ohne echtes Umdenken der Parteien gelöst" (S. 104).
Eben hierin liegt der zusätzliche Verdienst Richard Rubensteins: Sein Buch lädt gerade zu ein, "echt umzudenken", althergebrachte Traditionen zu hinterfragen und (so man will) seine persönliche Suche nach dem Gott der Bibel und Seinem Sohn (vielleicht neu) zu beginnen...