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Selbst ausgebuffte Jazz-Freaks und Musiklehrer bekommen bei Überfliegern wie "The Killing Hand" oder dem wunderschönen "Afterlife" den Mund nicht mehr zu, und das völlig unglaubliche Instrumental "The Ytse Jam" gehört auch heute noch zum Live-Pflichtprogramm der New Yorker. Leider wechselten Dream Theater nach When Dream And Day Unite den Sänger und konnten trotz vieler weiterer erstklassiger Platten nie wieder ganz an die Genialität ihres Debütalbums heranreichen.--Michael Rensen
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Von Beginn an wird klar, dass es sich bei Dream Theater um etwas Besonderes handelt. Der Opener „A fortune in lies" besticht durch Vielschichtigkeit. Harte gitarren-orientierte Passagen wechseln sich mit keyboardlastigen ruhigen Phasen ab. Der Sound ist brillant (was ja bei Debüt-Alben nicht immer der Fall, aber gerade bei solcher Musik unerlässlich ist) und der geneigte Hörer vermeint einen leichten Rush-Sound wahrzunehmen. Hinzu kommt ein phantastisches Gitarren-Solo. Insgesamt gesehen ein echter DT-Klassiker, der leider viel zu selten live gespielt wird.
Ein weiteres Highlight der CD ist die (inoffizielle) Band-Hymne „The Ytse Jam". Darin beweisen die vier Instrumentalisten, dass musikalische Brillanz keineswegs immer in technischen Frickeleien und Fingerübungen ausarten und damit langweilig werden müssen. Dabei wechseln sich Gitarre, Keyboards, Drums und Bass (ja, auch ein Bass kann ein wunderbares Solo-Instrument sein) in den Einzel-Spots ab. Das Stück wird getragen von diversen unisono-Läufen der Instrumente, bei denen Musiker vor Ehrfurcht auf die Knie sinken und die Götter preisen. Für diesen Fall schon einmal ein Kissen bereit legen, sonst geht es am nächsten Tag wieder zum Orthopäden.
Ebenfalls zu begeistern weiß das daran anschließende „The killing hand". Ein wunderbares musikalisches Opus mit verschiedenen Parts und einer stimmungsvollen Steigerung zum Mittelteil, in dem sich die Verzweiflung und Zerrissenheit, die in den Lyrics zum Ausdruck kommt, auch in der Musik wiederspiegelt (ohne dass die Musiker je an ihren Instrumenten verzweifeln würden oder diese zerstören). Dies ist schon ein Vorgeschmack auf "The Change of Seasons", ein 25-minütiges Werk, dass als absolutes Highlight des musikalischen Schaffens von DT bezeichnet werden muss.
Nach der Veröffentlichung von „When dream and day unite" gab es auch schon die erste Umstellung im Line-up der Band. Waren es sonst immer die Keyboarder (Kevin Moore und Derek Sherinian), die ihre Tasten packten, musste dieses Mal Sänger Charlie Dominici gehen. Er passte weder musikalisch zur Band (so verpasst er auf „When dream and day unite" tatsächlich einmal den richtigen Ton, was auf einem Studio-Album schon hart ist). Zudem passte er vom Alter nicht zu den anderen (Dominici war mehr als zehn Jahre älter als die anderen DT-Mitglieder). Er wurde dann ersetzt durch James LaBrie, der auch stimmlich sicherlich eher den Anforderungen einer solchen Band etspricht, da er ein größeres Spektrum im Stimmumfang abdeckt.
Auf den folgenden Alben (ab „Images and Words") entwickelten die New Yorker dann ihren spezifischen Sound, der hier schon angelegt ist, immer weiter und die musikalische Entwicklung scheint noch nicht abgeschlossen, wie das neueste Studio-Werk „Train of Thought" beweist. Bei Dream Theater ist der Hörer nie vor einer Überraschung sicher (Ja Wowi, wir wissen: und das ist auch gut so).
Das Einzige, was den Jungs heute vielleicht peinlich sein müsste, sind die Fotos der Musiker. Nun gut, es waren die 80er und da lief man so rum. Zudem gab es Bands, die diesen Look zur Perfektion brachten (Bon Jovi, Europe, Poison). Aber aus heutiger Sicht sind sie schon leicht peinlich (oder aber zumindest amüsant anzuschauen).
Abschließend lässt sich lediglich sagen: großartiges Debüt einer Band, die bereits zu Lebzeiten Legenden-Status erreicht hat. Die nachfolgenden Alben sind sicherlich musikalisch und stilistisch noch höher zu bewerten. Als ich 1989 diese CD kaufte wusste ich zwar noch nicht, dass DT solch einen Erfolg haben würden, aber für mich war klar: diese CD gebe ich nie wieder her. Absolute Weltklasse. Fünf Sterne (mit leichter Tendenz zu einem Bonus-Stern und dem Mozart-Award für musikalische Brillanz in jungen Jahren).
Dream Theater besitzen auf ihren Debut etwas, was mir an ihnen auf den folgenden Alben (selbst "Images And Words") negativ aufgefallen ist: Seele. Das soll nicht negativ klingen, schließlich bin ich großer DT Fan. Aber man merkt den musikern den Spielspaß eher an, als auf allen anderen Alben.
Los geht der Spaß mit "A Fortune In Lies", ein Song, der mein Statement am besten bekräftigen kann. Eine wunderbare Nummer zum Abgehen, mitsingen (wenn man Dominicis Eunuchenstimme erreicht) oder einfach nur lauschen (Portnoy beweist damals schon seine unglaubliche Drumfähigkeit...ein wahrer Genuss). "Status Seeker" ist dann sowas wie eine Single, auch wenn es nie eine gab. Ein Song, den ich unbedingt mal live erleben würde, aber die Herren Dream Theater erbarmen sich ja nicht. "The Ytsé Jam" (ein Anagram, bitte rückwärts lesen) ist dann die Frickelorgie. Ein Instrumental in dem Jungs zeigen was sie draufhaben. Besonders gegen Ende mitreißend und einfach nur Kult. Kann als reines DT Instrumental meiner Meinung nur von "Stream Of Conciousness" von 2003 übertroffen werden, macht dafür live umso mehr Spaß. Der Longtrack in moll "The Killing Hand" ist vielschichtig und technisch sauber und spannend aufgebaut. Sehr schön, stimmungs- und spannungsgeladen, wunderbar treibend.
Mein absoluter Favorit des Albums folgt mit "Light Fuse And Get Away" mit seinen verschiedenen Tempi- und Taktwechsel. Einfach nur atemberraubend und eines der besten DT Stücke aller Zeiten. "Afterlife" ist geradlinig, gefällt aber mit großartigem Portnoy Gedrumme. "The Ones Who Help To Set The Sun" ist kompliziert und hat ein langes Intro bis es zur Sache geht. Leider zieht der nervig gesungene Refrain den Song deutlich runter. Dafür haut der Rauswerfer "Only A Matter Of Time" noch einmal richtig rein, bläst den Hörer mit Synthiesounds aus dem Sofa und hat einen starken Chorus. Sehr geil!
Im großen und Ganzen ist das heir ein Album, das der Fan eh haben muss, aber vielleicht abschreckend für Neulinge sein kann. Das liegt erstmal an Eunuchensänger Charles Dominici, nach dessem Rauswurf man nie wieder was hören durfte/musste. Naja, so schlecht ist er sicher nicht, aber auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Rush Fans werden ihren Spaß haben, alle anderen finden ihn entweder gut oder schlecht. Der zweite arge Minuspunkt ist die Produktion. Selbst wenn man keine Ahnung von Produktionen hat, fällt einem die Qualität klar auf: dumpfe, sogar ein bisschen rauschige Soundqualität. Dafür gibt es aber echt gute Musik und ein tolles Debut des Traumtheaters, das zwar übertroffen werden konnte, aber in seiner Form immer noch eigenständig und originell ist.
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