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Cream - ein Name als Programm, und beileibe keine Übertreibung. In dieser seltenen stellaren Konjunktion, wie sie in einem halben Jahrhundert nur einmal eintritt, waren Ginger Baker, Jack Bruce und Eric Clapton wirklich die Creme des Rock. Cream - das war auch eine dreistufige Rakete: Stufe 1: "Fresh Cream", ein Versprechen. Stufe 2: "Disraeli Gears", dessen Einlösung. Stufe 3 und der Höhepunkt der Entwicklung: "Wheels of Fire" aus dem Jahr 1968.
Das Album besteht aus zwei Teilen, vier Live-Nummern, neun Studio-Cuts. Die im Fillmore aufgenommenen Live-Mitschnitte zeigen BB&C als Virtuosen ihres Metiers, die Blues-Standards wie Johnsons "Crossroads" und Howlin Wolf's "Spoonful" mit ungeahntem Drive neuen Feueratem einhauchen. Instrumentaler Höhepunkt dieses Teils ist wohl Bakers imponierendes vietelstündiges Drums-Solo "Toad", in dem er seinen Kollegen von der Schlagwerk-Fraktion zeigt, wo der Bartl den Most holt.
Von den neun Studio-Aufnahmen sind zwei gleichfalls Blues-Klassiker ("Born under a Bad Sign", "Sitting on Top of the World"), die anderen Eigenkompositionen. Für vier der Cuts vertonte Jack Bruce Gedichte des (Rock-)Lyrikers Pete Brown, darunter findet sich einer der m.E. perfektesten Rock-Songs der Musikgeschichte, "White Room", und die unglaublich vielschichtigen Nummern "As You Said" und "Deserted Cities of the Heart". Ginger Baker steuerte (zusammen mit Mike Taylor)drei Songs bei, die das Genre Rock weit transzendieren: das elegische "Passing the Time" (mit Bruce am gestrichenen Kontrabass), das surrealistische "Pressed Rat and Warthog" und das überirdisch-schöne "Those Were the Days" ("When the city of Atlantis stood serene above the sea..").
Wie sehr die Cream musikalisch über dem Pop-Gewusel stehen, zeigt neben ihrer instrumentalen Virtuosität (alle drei zählen zu den besten Instrumentalisten ihrer Sparten) auch die rhythmische Komplexität der Songs. Der einleitende Chor in "White Room" folgt einem 5/4-Takt, "Passing the Time" wechselt ständig zwischen 3/4 und 4/4, und in "As You Said" kommt dazwischen auch einmal ein 7/8-Takt zum Tragen, was durchaus nicht aufgesetzt, sondern organisch wirkt und den Nummern Farbe und etwas wie einen exotischen Reiz verleiht. Das soll ihnen einmal einer von den Vier-Viertel-Klopfern der zeitgenössischen Populärmusik nachhüpfen!
Immer wieder gibt es in den Songs Momente unglaublicher musikalischer Intensität. Und nie hatte Clapton interessanteres Material als Ausgangspunkt für seine gloriosen solistischen Feuerwerke (wenn man jüngere Clapton-CDs zum Vergleich heranzieht, ist das wie Himmel und eins). Und auch wenn Bruce und Baker bloß begleiten, so hat dies durchaus den Charakter und die Brillanz solistischer Leistungen. Auf diese Weise gelingt es dem Dreigestirn, auch Dutzende Male gecoverte Songs einer aufregenden Frischzellenkur zu unterziehen - von "Born under a Bad Sign" kenne ich einfach keine bessere Version. Die Eigenkompositionen sind an vielen Stellen eine faszinierende Synthese aus Rock und Kammermusik.
Zwei Jahre währte die cremige Herrlichkeit, dann zerbrach die Soupergroup, vermutlich an der Ansammlung von kreativem Potential, das die kritische Masse überschritt. Clapton und Baker formierten sich mit Steve Winwood und Rick Grech zur Ein-Album-Gruppe "Blind Faith". Nach deren Auseinanderbrechen gründete Baker die "Airforce" und macht heute in Jazz. Clapton kehrte mit "Derek & The Dominoes" zurück ins überschaubare Terrain des Blues mit seinen drei (manchmal vier) Akkorden und landete mit weniger anspruchsvollem, aber offensichtlich eingängigerem Songmaterial etliche Hits. Bruce tat sich mit Jazzern wie John McLaughlin und Larry Coryell zusammen, um Alben aufzunehmen, die aber mit Ausnahme des ersten ("Songs for a Tailor") kaum breitere Publikumsresonanz fanden.
Jedenfalls bin ich meinem Geschick (meinethalben sogar auf Knien) dankbar, dass meine Jugend in die sechziger Jahre fiel, eine Zeit, in der Rock- und Pop-Musik einen unglaublichen Wachstumsschub erlebten. Die Szene damals war fruchtbar wie ein tropischer Regenwald, trieb wundersame Blüten und die "Wheels of Fire" waren eine ihrer schönsten - vielleicht sogar die schönste.
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