Geschafft: Mit seinem zweiten Solo-Album tritt Juelz endgültig aus dem Schatten von Dipset-Boss Cam'Ron. "What The Game's Been Missing!" gehört ohne Zweifel zum besten, was Harlem 2005 zu bieten hatte. Schon dieses Intro! Juelz erklärt hier seinem fünfjährigen Neffen, dass er noch MINDESTENS zehn Jahre warten muss, bis er ungestraft Worte wie "Bitch" in den Mund nehmen darf; einfach zu süß. Der darauf folgende Opener "Rumble Young Man Rumble" ist eine Flow-Abfahrt par excellence und prescht mit ungeheurer Energie nach vorne.
Trotzdem machte die Scheibe bei den ersten paar Hördurchgängen einen eher durchschnittlichen Eindruck auf mich. Es hat lange gedauert, doch irgendwann hat sich mir die schlichte Ästhetik der Songs erschlossen, die anfangs noch etwas albern wirkten. Bestes Beispiel: Die Party-Hymne "Oh Yes", eine weitere Zusammenarbeit des Dreamteams Diplomats/Heatmakerz. Hier wird traditionsgemäß ein Motown-Sample als antreibende Komponente eines simplen, aber bouncenden Beats verwendet. Dazu gibt es dann passenderweise noch einen Refrain, den der geneigte Clubgänger selbst mit ordentlichen 2 Promille noch gut mitgröhlen kann... Perfekt!
Diese neue Art von HipHop ist natürlich nicht jedermanns Sache. Aber mit Tracks wie "This Is Me", "Whatever U Wanna Call It", oder "Gone" beweist Juelz, dass er ebensogut in der Lage ist, klassische New Yorker Straßenpoesie zu schreiben. Im Kontrast dazu stehen die unkonventionellen Stücke des Albums; "Make It Work For You" ist eines davon. Hier geben sich gleich drei der charismatischsten Vertreter der neuen Rapper-Generation das Mic in die Hand: Juelz, Lil' Wayne und Young Jeezy. In Kombination mit diesem richtig kranken Minimal-Beat hat das ganze den Charakter einer Freestyle-Session unter (ehemaligen??) Kokaindealern.
Es mag MC's mit mehr thematischem Einfallsreichtum geben, aber bestimmt keinen mit mehr Rhythmusgefühl und Punktgenauigkeit als den "Human Crack In The Flesh". Ob er nun Anleitungen zum Erobern mehrerer williger Chicks gibt ("Freaky"), oder wie in "Violence" zum Randalieren auffordert - von Hemmungen hat er scheinbar noch nie etwas gehört. Und auch wenn das manche Leute dann wieder primitiv finden, hat Juelz die passende sarkastische Antwort parat: "Peel a n*gga cap to it, no reason at all, this music is that stupid" - Basta! Auch Kinderchöre (zu hören in "Kid Is Back") sind im US-Rap nichts neues mehr; Jay-Z und Nas haben es vorgemacht. Nur hat keiner von denen je die Dreistigkeit besessen, die Kleinen etwas singen zu lassen wie "This is crack, and it's better than ever".
Auch die Fans des gepflegten Storytellings werden bedient. "Lil' Boy Fresh" ist eine kurze, aber ergreifende Schilderung eines Einzelschicksals - die Message am Ende mitzukriegen erfordert aufmerksames Zuhören. Somit ist der Song eine willkommene Abwechslung zu den komplett sinnfreien Stücken à la "Gangsta Sh*t". Was hier an Inhalt fehlt, wird allerdings durch Juelz' einzigartige Reimakrobatik und den düster rollenden Beat wieder ausgeglichen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Street-Single "Shottas", für die sich Juelz mit Sizzla einen der umstrittensten Stars der jamaikanischen Dancehall-Szene zur Verstärkung geholt hat. Auf "Mic Check" tut der junge Diplomat das, was er schon immer am besten konnte: Sich selbst feiern, und zwar im ganz großen Stil. Das dazugehörende Instrumental kann man als Rap-Fan nur lieben.
"What The Game's Been Missing!" ist bisher die beste Veröffentlichung aus dem Umfeld des Dipset. Erfreulich, dass Juelz im Gegensatz zu seinen Kollegen tatsächlich bei Def Jam untergekommen ist; so stehen ihm für seine Projekte wenigstens echte Budgets zur Verfügung. Natürlich sind einige Tracks wieder mal relativ uninspirierte Lückenfüller ("Changes", "There It Go"), aber ein Album mit so viel erstklassigem Material verdient dennoch seine 5 Sterne... Aye!!