2013. Bon Jovi können mittlerweile auf rund 30 Jahre Karriere, über 100 Millionen verkaufte Platten, unglaublich viele Preise und mindestens genauso viel Live Shows zurückblicken. Dennoch setzen sich die Jungs aus Jersey nicht zur Ruhe, sondern melden sich nun mit „What About Now“ zurück. Im Gepäck viel Sozialkritik, aber auch das, was Bon Jovi jahrelang mit ihren Songs vermittelt haben: Optimismus. Egal wie vertrackt die Situation ist, steh auf, mach weiter! Warum? Das könnte man mit der ersten Singleauskopplung beantworten: Because We Can!
Und dann sind wir auch schon mitten in der CD und den Eindrücken, die sie bei mir hinterlassen hat. Ich glaube, bei keinem Bon Jovi Album (nehmen wir mal This Left Feels Right raus) war ich so zweigeteilt, wie bei diesem. Dennoch versuche ich es einmal in Worte zu packen:
ERSTER EINDRUCK/ BECAUSE WE CAN? (7/10)
Der erste Eindruck der Platte, vermittelt durch Because We Can, das sich durchaus einer gewisser Beliebtheit im Radio erfreut, hat bei mir vorerst eher eines verursacht – ein großes Naserümpfen, hochgezogene Augenbrauen und geschürzte Lippen – das soll Bon Jovi im Jahr 2013 sein? Hat mich beim ersten Hören nicht wirklich überzeugt und erinnert eher an eine Popband mit wenigen Gitarrenelementen, denn an eine Rockband, die 30 Jahre Erfahrung beim Songschreiben hat. Irgendwie etwas seicht, weichgespült und mir zu sehr vom Obama Spirit angehaucht. Meine Befürchtungen: viele Pop-Elemente, wo eigentlich Gitarren sein sollten und ein Album, dass vor allem eines widerspiegelt: Jons soziales Engagement und seine politischen Aktivitäten. Sicher, diese Aktionen sind löblich, aber es ist mir auf einem Rock Album, das manchmal einfach nur unterhalten soll, mittlerweile zu viel und geht mir zu sehr in Richtung Bono, U2 und Weltverbesserungsdrang. Ja, auch früher waren Bon Jovi sozialkritisch, allerdings war das Ganze weniger offensichtlich verpackt und man hatte nicht das Gefühl, Obamas politisches Programm in Songform zu hören.
Und wie sieht es nach mehrmaligem Hören aus? Etwas besser, soviel vorneweg. Zwar gehört Because We Can eher zu den Songs, die sich nicht durch besondere Kreativität und Songwriterkünste hervortun, ich schalte es aber auch nicht weg. Es hat ein Plätzchen in meinem Kopf gefunden und ein bisschen freut sich das Herz doch, wenn man den typischen Beginn im Radio hört. Man wippt mit, man dreht es im Radio lauter, die Begeisterungsstürme halten sich zwar immer noch in Grenzen, aber insgesamt habe ich meinen Frieden mit dem Song gefunden und gebe ihm ein gutes Okay.
I’M WITH YOU (9/10)
Hier stellt sich zum ersten Mal das Gefühl ein: Ja, sie können es noch und erfüllt damit die Aussage der ersten Songauskopplung. Für mich ein Highlight der Platte. Kraftvoller Song, der was zu sagen hat und an ältere Songschreiberqualitäten der Band erinnert. Auch hier ist die Sozialkritik erkennbar, aber sie hört sich wesentlich universeller an und nicht so amerikanisiert. Aber auch ohne Gedanken an Sozialkritik funktioniert der Song wunderbar. Kraftvoller Chorus, der den Weg in mein Herz gefunden hat: „If I got something, I got something to proof"
Warum nur 9/10 Punkten? Da gibt es etwas, was mich entschieden stört, und zwar kräftig! Der Song ist total schlecht produziert, zumindest, was die Stimme von Jon angeht. Wo ist die Tiefe, der raumfüllende Klang – Hören Sie sich mal die Zeile: Look at this world it’s full with worn out faces, forgotten places.... an. Merken Sie was? Ja richtig, es hört sich eher nach einem Stimmchen an, das an Günther Grass „Die Blechdrommel“ erinnert. Während die restlichen Effekte auf den Song abgestimmt sind, hat man hier zuviel an den Reglern gespielt. Irgendwie verzerrt, irgendwie zu blechern. Mein Wunsch? Tauscht den Produzenten und zwar schnellstens!
WHAT ABOUT NOW (8/10)
Damit greifen Bon Jovi eine Frage auf, die wohl vielen Menschen zur Zeit auf der Seele brennt: Was ist mit dem hier und jetzt, was passiert gerade? Auch hier wird die Message in ein kraftvolles Paket gepackt, das Bon Jovi typisch ist. Eben ein richtiger Stand-up-Song für die kleinen Leute. Hab Mut, und steh für deine Überzeugung ein. Erinnert zu Beginn ein wenig an Lost Highway und reiht sich nahtlos in die Durchhaltesongs von Bon Jovi ein.
PICTURES OF YOU (8/10)
Startet mit ungewohnten Soundeffekten, wie sie mittlerweile auf etlichen Alben zu hören sind. Egal ob Killers oder Imagine Dragons. Nun also auch Bon Jovi. Nicht, dass das furchtbar schlimm ist, aber so richtig überzeugt mich dieser Mix nicht. Gut produzierter Pop Song, mit Rockelementen, dem dennoch das gewisse Quäntchen Biss fehlt. Das können auch nicht das kurze Solo von Richie und die kräftig einsetzenden Drums von Tico herausreißen. Zumindest wird es gegen Ende powergeladener und vorantreibender und der Song schafft es noch das Ruder herumzureißen.
AMEN (9/10)
Mit Amen kommt sie dann, die typische Ballade, die auf keinem Bon Jovi Album fehlen darf. Zwar durch die Zeile „mercy, mercy what else can I say“ anfänglich etwas flach, steigert sich dann aber und wird gegen Ende dennoch ein ganz schöner Song, der in seiner Mitte zeigt, dass Jon’s Stimme immer noch ganz wunderbar sein kann und Gefühl in die Songs bringen kann. Der Einsatz der Violinen unterstreicht das Träumerische des Songs und fügt sich nahtlos in das Akkustiksetting ein. Hier stört endlich mal kein glattgebügelter Synthesizer Soundeffekt, ohne den ein Bon Jovi Album für meine Begriffe genauso gut funktionieren könnte. Die Lyrics sind insgesamt ganz gut gemacht und machen das „mercy mercy“ schnell wett. Ich mag den Song – Amen!
THAT’S WHAT THE WATER MADE ME (6/10)
Baby, Baby, baby there is no use in trying to save me – naja keine Glanzzeile, um einen Song zu eröffnen und ich habe schon bessere erlebt. Baby, baby, höre ich in jedem zweiten Song, der im Radio läuft. Muss man den Song somit abschreiben? Nicht ganz. Der Rest war durchaus okay und wurde etwas kraftvoller (wenn man die Mitte rausnimmt, bei der ich mich frage, warum man hier wieder auf Soundeffekte – hier Drums- aus dem PC gesetzt hat?). Was bleibt sonst zu sagen: Eingängiger Chorus, flirrender Gitarrensound – schön zum Auto fahren bei offenem Fenster. Ja, geht okay und man kann sich daran gewöhnen.
WHAT’S LEFT OF ME (5/10)
Erinnert zu Beginn an das Erbe von Lost Highway – hierfür sorgt der Einstieg mit Akkustikgitarre und die Country Elemente. Mitwippen im Festzelt – so könnte man es glaube ich ganz gut beschreiben. Und natürlich darf das obligatorische Hey, hey nicht fehlen, man will ja auch im Stadion als Publikum was zu tun haben. Richtig fesseln kann mich das ganze aber nicht, trällert munter vor sich hin, in der Mitte kommt der bekannte Break, ein Klatschpart, aber auch irgendwie eine furchtbar geknautschte Songzeile. Hat man irgendwie schon mal gehört, könnte auf fast jedem der letzten Alben sein und geht irgendwie bislang spurlos an mir vorbei.
ARMY OF ONE (6,5/10)
Da ist er endlich: Tico! Unverkennbar und ganz ohne den seichten Effekt des PC’s. Vorantreibender Drumeinsatz. Mit Effekten von Livin on a Prayer. Was folgt ist eine etwas andere Version von Status Quo’s „You’re in the Army now“. Zumindest habe ich mich so gefühlt. „Sign me up, I’m a soldier“ – naja, gut – ich habe das Gefühl, dass plötzlich in vielen Songs Militärelemente, hier eben der „soldier“ auftauchen. Wieder typische Durchhalteparole, wenn auch mit vielen wiederholenden Elementen wie dem „never give up, never give up, never, never give up, never let up“ Soll schließlich direkt ins Langzeitgedächtnis. Und da bleibt es auch. Keine lyrische Glanzleistung, verfehlt aber auch nicht seine Wirkung. Okay, würde ich sagen.
THICK AS THIEVES (10/10)
Nach dem ganzen Durchhalteparolen kommt mit Thick as Thieves wieder eine ruhige Nummer, die endlich mal von etwas anderem erzählt, als der problematischen wirtschaftlichen Lage, in der wir uns befinden und die uns ständig vor Augen geführt wird. Hier geht es um Freundschaft, Liebe, das Füreinander-Dasein. Wunderbar eingepackt in tiefere Lyrics und die passende Soundfassade. Ruhige Streicherelemente ergänzen die Gänsehautstimmung. Bon Jovi beweisen hier mal wieder, eine Rockband muss nicht immer laut sein, um zu überzeugen.
BEAUTIFUL WORLD (8/10)
Startet irgendwie frisch, und zwingt einen fast zum mitwippen. Vorantreibender Rhythmus, wenn auch etwas poppig. Der Chorus ist unglaublich eingängig und ist nach zwei mal Hören im Kopf. Mitsinggarantie? Wer die möchte, der wird sie bei diesem Song sicher finden. Klassischer Bon Jovi Sound, mit ein paar frischen Elementen, die sich zu Beginn stark nach dem Song "How Far We've Come" von Matchbox 20 anhören. Hat sich dennoch in mein Herz gespielt.
ROOM AT THE END OF THE WORLD (10/10)
Auch hier startet der Song ruhig und man taucht sofort in die Textzeilen ein und das Kopfkino beginnt abzulaufen. Der Refrain steigert sich und wird powergeladener, verliert dennoch nicht das Träumerische. Absolut richtiger Einsatz von Soundeffekten und Instrumenten. Fügt sich nahtlos ineinander und ergibt eine runde Sache. Läuft bei mir öfter und weiß absolut zu gefallen.
THE FIGHTER (7/10)
Mit „The Fighter“ schließt das Album (wenn man die Bonustracks nicht beachtet).
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