Jürgen Gispert (Leipzig)
Christina Threuter. Westwall. Bild und Mythos. IMHOF-Zeitgeschichte. Petersberg 2009
Im Jahre 2003 besuchte ich eine Tagung in Leipzig, die aus Anlass des 90. Jahrestages der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals abgehalten wurde. Hervorstechend für mich war u.a. die Tatsache, dass dieses steinerne Monstrum nun für die europäische Integration herhal-ten sollte. Das Völkerschlacht-Denkmal, das u.a. auch Selbstmörder anzieht, hat in den 100 Jahren seiner Existenz zahlreiche Kontextualisierungen erfahren - die erste betrifft die Ver-gangenheit, die Schlacht 1813, dann aber die wechselvolle Geschichte nach dem Bau - Wei-marer Zeit, Nationalsozialismus, DDR und nun die EU. Das Buch von Katrin Keller und Hans-Dieter Schmid beleuchtet die wechselvolle Geschichte des Völkerschlachtdenkmals auf eindrucksvolle Weise , und ich denke, dass das Buch der Kunsthistorikerin Christina Threuter von seinem Charakter her in diese Reihe zu stellen ist.
Die Publikation geht aus Arbeiten zu dem grenzüberschreitenden Projekt Erinne-rungsräume, Architektur und Krieg in Trier und der Großregion" im Jahre 2007 hervor.
Der sogenannte Westwall wurde von 1938 bis 1940 gebaut. Von den 630 Kilometern (Kleve bis Basel) Wall sind noch viele Ruinen, Reste vorhanden, die der Pflege" (J. Ass-mann) bedürfen - nicht nur Militär- und Technikhistoriker bemühen sich um Deutungshoheit, auch Repräsentanten der Denkmalpflege, des Natur- und Artenschutzes oder des Tourismus-bereiches in Kooperation mit den Kommunen arbeiten am Gedächtnisbestand Westwall. Das Buch möchte eine Lücke schließen: Erstmals macht es die bislang noch wenig beachteten Darstellungen des Westwalls als visuelle Repräsentationen nationalsozialistischer Architek-tur" zu seinem Gegenstand. Indem es Politik und Rhetorik der Westwallbilder im Rahmen der nationalsozialistischen Propaganda beleuchtet, tritt es dem Mythos von der defensiven Ver-teidigungslinie, dem ,Friedenswall'" entgegen (7). Insoweit ist das Buch auch wertvoll im Zusammenhang des gegenwärtig um sich greifenden Revanchismus, dem man auf die Schli-che kommen kann, wenn man die Dreifachbeziehung von Vergangenheit und Gegenwart be-achtet. Denn aus der Perspektive der Gegenwart - und nur aus dieser betrachten wir Welt - werden sowohl Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt als auch zwischen Gegenwart und Vergangenheit, wobei dann noch die dritte Beziehung, nämlich die zwischen den beiden ersten, von Bedeutung ist. Threuters Buch wird dem hieraus sich entwi-ckelnden Anspruch gerecht.
Christina Threuter unterteilt ihre Untersuchung in 9 Abschnitte, die mit fünf Exkurs-blöcken verbunden sind. Neben einleitenden Bemerkungen zum Westwall in Bild und Mythos geht Threuter auf Mythen, Bild als Medium und dessen Beziehung zum Faktor Macht ein (Kap. 1), stellt im 2. Kapitel das Bauprogramm vor, beleuchtet die Arbeitsbedingungen am Bau (Kap. 3) und beschäftigt sich mit den regionalen Auswirkungen am Bau. Der Propagan-da um den Westwall sind die Kapitel 4 bis 7 gewidmet, wozu dann eigentlich auch das sich anschließende achte Kapitel über die Westwall-Ehrenzeichen zählen könnte. Das letzte Kapi-tel widmet sich der Positionierung des Westwalls in der Nachkriegszeit.
In ihrem Einleitungskapitel macht die Autorin auf die Tatsache aufmerksam, dass sich der vom Nazi-Regime implementierte Mythos vom Westwall als Friedenswall" bis heute durchgehalten hat - hierzu zählt auch das Argument, der Westwall sei aus Gründen des Zivil-schutzes gebaut worden oder, dass das Unternehmen Westwall auch ein Mittel gegen die Ar-beitslosigkeit gewesen sei (was bekanntlich heute noch gerne auf den Autobahnbau in toto angewendet wird - im Buch erfahren wir hierzu im vierten Kapitel, dass der Wallbau logisti-sche Probleme evozierte, die nicht nur solche eher simplen, weil als evident zu bezeichnende Bereiche wie Unterbringung und Versorgung betraf, sondern die Versorgung mit Rohstoffe für den Bau selber - u.a. litten unter dem Abfluss dieser Stoffe aus anderen, für die Bevölke-rung existentiellen Bereichen gerade auch der Autobahnbau, vgl. S. 33, 55).
Hinter dieser Kontinuität oder auch den damit zu verbindenden Kontextverschiebun-gen steckt der Grundsatz, dass Geschichte unter sozialen Rahmenbedingungen konstruiert wird; von daher nie ,objektiv' ist, sondern den Einflüssen des Gegenwartsbezugs, der gesell-schaftlichen Positionierung und der Herkunft der Perspektive, aus oder mit der wir sie be-trachten, unterliegt (12). Damit aber kommen wir zum Aspekt der Macht, kraft derer die Wis-sensallokation als Grundlage geschichtlicher Narrative umgesetzt wird.
Diesbezüglich zeigt Threuter für die Mythenproduktion nicht nur besagte Dauerhaftig-keit bis in heutige Zeiten auf, die Produktion betrifft auch die Entstehungszeit des Bauwerks und vermochte, noch vor Ort am Bau ihr Blendwerk zu realisieren und tatsächliche Missstän-de zu überlagern. Die Mär vom Friedens- und Zivilschutzwall desavouiert sich im Kriegspro-zess: Nach der Niederlage Frankreichs zogen die Nazis Werke und Waffen am Wall ab, um sie dem neu zu errichtenden Atlantikwall zukommen zu lassen. Der Westwall hat eigentlich nie so richtig der ihm zugewiesenen Funktion dienen können. War er Teil der Propaganda, die, wie Threuter an zahlreichen Beispielen belegt, den Soldaten als heroische Gestalt sakral aufzuladen wusste, so wurde er in toto nie fertiggestellt. Die Tatsache, dass er zugunsten an-sässiger Bauern als Rübenkeller oder Getreidelager" diente und auf diese Weise zweckent-fremdet wurde (45), erinnert, um dies zu ergänzen, an sowjetische Praxis, wenn Kirchen pro-fanisiert wurden und als Getreidespeicher u. ä. dienten - mit dem Unterschied, dass die Sow-jets mit dieser Umfunktionierung den ideologischen Gegner schädigten.
Ausführlich geht die Autorin auf die Propaganda-Maschinerie ein, die dem Bau stän-dig Begleiterin war und da, wo real der Bauspaten nichts mehr ausrichten konnte, da es mit der Logistik haperte, regulierend wirkte. Indem die Propaganda auf diese Weise die West-wallarbeiter als soldatische Heroen der Arbeit" sakral auflud, wurde sie sich selbst erfüllende Prophetie und nahm die Rolle des Propagandisten ein (57). In diesen Kontext fällt auch die Architektur des umgedichteten Friedenswalls", der die Kulisse für den mythischen Aufzug deutsche Volksgemeinschaft" darstellte. Das leitet Christina Threuter her, indem sie den Westwall in eine politische Rhetorik als Verteidigungswall besagter Volksgemeinschaft ein-gebunden sieht.
Die durch die Volksgemeinschaft definierte Abgrenzung des Eigenen vom Fremden, die in der absurden Vernichtung des Fremden münden sollte, findet ihre Entsprechung im Verhältnis von Architektur und Raum zum System: Sowohl die Architektur als auch der geographische Raum fungieren als Instrument der Politik und mehr noch werden sie aufgrund der aggressiv geführten ideologischen Besetzung zum Instrument der rechtlichen Willkür und der absoluten Staatsmacht. Auf diese Weise bilden architektonische und geographische Räu-me die strategischen Stützpunkte für einen hegemonialen Übergriff" (61). Überzeugend ar-gumentiert Threuter, dass die Perspektive, der Standort für die Betrachtungsweise von Innen und Außen entscheidend ist: Die Bunker-Architekturen und der sie umgebende Raum bilden im Sinne der nationalsozialistischen Rhetorik die Grenzlinie. Hier bestimmt, mit dem Philo-sophen Martin Heidegger gesprochen, die Grenze als Halt ,das Sein des Seienden'" (61).
Eine der Folgerungen hieraus ist, dass erst Gegenstände und ihre Anordnung Raum erzeugen und der Mensch in seiner bewegten Positionierung zu dieser Anordnung seine Per-spektive entwickelt (Waldenfels).
Ein ausführliches Kapitel wird den Medien der Propaganda gewidmet, die zum Ziel hatten, von zentraler Stelle geleitet die Bevölkerung auf das Westwall-Projekt einzuschwören- gerade die Fotografie war diesen Zwecken dienlich, umgab sie sich doch mit einem Schein von Wahrhaftigkeit . der Ursprung ihrer propagandistischen Verwertung geht jedoch schon auf den Ersten Weltkrieg zurück und umfasst Manipulationstechniken wie die Fotomontage. Film-, Theater-, Konzert- und Varietéveranstaltungen dienten der Durchdringung der Massen mit dem Ziel, deren Arbeitsmoral zu stärken. Zentralistisch organisierte Radiosendungen, die unter Zusammenschluss der verschiedenen Reichssender veranstaltet wurden, hatten eine Ap-pellfunktion und vermittelten über die räumliche Distanz der Baustellen und Arbeitenden hinweg [den] Eindruck der Allgegenwärtigkeit und des engen Zusammenschlusses dieser Gruppe" zu erzeugen (86).
Diesem Zweck dienten auch Kriegsmalerei, Landschaftsdarstellungen, wobei hier der Eindruck herausgearbeitet wird, dass aufgrund der perfekten Tarnung" der Befestigungsan-lagen durch ihre Verschmelzung mit dem sie umgebenden Raum eine Einheit eingehen, da-durch bedingt aber das sie kreierende System sich selbst als naturalisiert ausgibt (vgl. 92). Als biologistische Konstruktion geht das mit der antisemitischen und rassistischen Blut- und Bo-den-Ideologie einher.
Konnte der Westwall bis zum Ende des Krieges nicht fertiggestellt werden, so wurde die Wehranlage nach der Niederlage des Hitler-Faschismus demontiert, was aber mit einigen Problemen behaftet war.
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