"Die Gedichte, die ich hier zusammengetragen habe, sind zwischen 1970 und 1974 geschrieben worden, zu den verschiedensten Anlässen, an den verschiedensten Orten, ob sie gut sind? fragst Du. Es sind Gedichte." So Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) in der Vorbemerkung zu seinem (wenige Wochen nach seinem Tod) erschienenen Gedichtband "Westwärts 1 & 2". Es war sein zehnter Gedichtband und der erste, der auf breitere Resonanz stieß. Beteiligt an dem Erfolg war sicherlich die Nachricht von seinem Tod (Verkehrsunfall in London), die ihm mit dem Nimbus des tragischen Dichterschicksals umgab. Ging es im 1969 erschienenen Gedichtband "Standphotos" noch vorrangig um die Erweiterung des Bewußtseins, zeigen die Gedichte danach eine Erweiterung des Blickfelds. Aus "Standphotos" wurden bewegte Bilder. Der Autor sieht nicht nur, er bewegt sich, was Brinkmanns zahlreiche Reisen (USA, England, Italien) beweisen. Stadtszenen und Landschaften, autobiographische Erinnerungssplitter, vermischt mit Briefstellen, Zeilen aus Rock'n'Roll-Liedern und Fragmenten aus Unterhaltungen und Lektüren machen diese Gedichte zu einem Leseerlebnis. Schlagworte aus der Werbung, Motive und Gestalten aus Comics und Filmen, alles bezieht Brinkmann in seine Lyrik ein. "Westwärts 1 & 2" gilt heute unbestritten als einer der wichtigsten Beiträge zur zeitgenössischen deutschen Lyrik. Die Gedichte sind zu einem wichtigen Dokument über das Bewußtsein einer Generation geworden. Manfred Orlick, Halle