Hottentottenmusik
Zunächst ein Blick auf die großen Live-Werke von Marius Müller-Westernhagen: „Keine Zeit“ und „Live“ sind berauschende Dokumente jener Mega-Partys, die Westernhagen in den in den 80ern und in den 90er-Jahren mit seinen Fans in den großen Arenen und Stadien der Republik zu feiern pflegte. Es gibt diese Platten, und es ist gut, dass es sie gibt. Aber: Ihnen ist nichts hinzuzufügen, das Kapitel Stadion Rock ist erzählt. Was hingegen bis heute fehlte, ist die feinsinnige musikalische Tiefe, die den Live-Künstler Marius Müller-Westernhagen auch stets ausgemacht hat. Eine Lücke, die jetzt geschlossen wird - mit dem neuen Live-Album „Hottentottenmusik“.
Wenn es ein Zitat des Künstlers gibt, das am besten die hinter dem Album stehende Idee umreißt, dann ist es wohl dieses hier: „Auf der Bühne habe ich mich als Sänger dieser Band gefühlt und wurde auch von den Musikern so akzeptiert. Da steckt eine sehr große Liebe drin.“ In der Tat ist „Hottentottenmusik“ eine demokratische Bandplatte geworden. Und das ist die ganz logische Folge einer Entwicklung, die sich auf der Tournee zum letzten Studio-Album „Williamsburg“ ergeben hat.
Natürlich stand Westernhagen bei diesen Konzerten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber auf sehr natürliche Weise als Sänger einer klassischen Rock‘n‘Roll-Band.
Die Sehnsucht des Künstlers nach einem kongenialen Bandgefüge, in dem er sich fallenlassen kann, geht übrigens ebenso auf seine Anfänge zurück wie der Name dieser Platte: Hottentotten- oder auch „Negermusik“, das waren die gebräuchlichen Begriffe, mit denen die Nachkriegsgeneration jene fremdartig-aufregende und subversive Musik beschrieb, die die Herzen und Köpfe ihrer Kinder erobert hatte. „Ich höre meine Mutter noch heute: ,Mach die Negermusik aus, was soll das Gekreische?‘, erinnert sich Westernhagen lachend.
So war es: Aus der Opposition gegen die Eltern und der Tatsache, dass man diese neue Musik aus den USA und England mit aller Kraft verteidigen musste und oft nur heimlich hören konnte, ging ein besonderes Maß an Identifikation und Leidenschaft hervor. Das hat den Musiker und Menschen Marius Müller-Westernhagen geprägt. Zunächst führten die neuen Klänge dazu, dass er 1967 in Düsseldorf die Band Harakiri gründete. Eine Phase, der er später einen seiner größten Hits widmete: „Mit 18“. „Ich habe noch in Clubs zum Tanz aufgespielt, in denen sich kurzberockte Mädels Songs wünschen durften“, sagt Westernhagen.
Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, welche besondere Bedeutung nun über 40 Jahre und zahlreiche Platinalben später die aktuelle Bandbesetzung für Westernhagen hat. Denn im Prinzip macht er aktuell genau das, wonach er sich schon damals bei Harakiri gesehnt hat: mit herausragenden Musikern den Blues und Rock‘n‘Roll spielen, den er so liebt.
Als es nach der Veröffentlichung von „Williamsburg“ an die Planung der Konzerte ging, stand Westernhagen allerdings vor einem Problem: Einige der amerikanischen Musiker, mit denen er das Album aufgenommen hatte, konnten wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht mit auf Tournee gehen.
In dieser Situation wurde sein amerikanischer Co-Produzent und Mit-Musiker Kevin Bents, mit dem Westernhagen seit seinem Album „In den Wahnsinn“ zusammenarbeitet, zum entscheidenden Impulsgeber. Der mit den Beatles, George Jones und dem Soul der Motown-Schule aufgewachsene New Yorker ist bestens vernetzt und bringt Marius Müller- Westernhagen immer wieder mit herausragenden Leuten zusammen. „Wenn Kevin mir Musiker vorschlägt“, so Westernhagen, bin ich noch nie enttäuscht worden, weder von ihrer musikalischen noch von ihrer charakterlichen Qualität, da war noch nie ein Arschloch dabei.“
Ein Verdikt, das unbedingt auch für den texanischen Gitarristen Brad „Buck Wild“ Rice gilt. Der Texaner spielt eine exzellente Slide-Gitarre und ist hoffnungslos dem Rock‘n‘Roll verfallen, seit er mit sieben mit den Rolling Stones in Berührung kam. In den Achtzigern gründete Rice dann die Band The Accelerators und spielte später unter anderem mit Ryan Adams, Son Volt, Steve Wynn und Keith Urban zusammen. Sich selbst bezeichnet Rice als „den Earl Slick des Alt-Country“.
Ebenfalls über Bents kam der Bassist John Conte in Spiel. Southside Johnny, Peter Wolf, David Bowie - nur einige der Stationen in der Karriere des New Yorkers. Der Who-Bassist John Entwistle wäre stolz auf Conte, hat Doug Wimbish von Livin Colour einmal über den Musiker gesagt.
Neben seiner Erfahrung brachte Conte einen weiteren Trumpf ins Spiel: Der Bassist war bereits bestens eingespielt mit dem neuen Schlagzeuger der Westernhagen-Band, dem aus Phoenix, Arizona stammenden Aaron Comess. Nachdem er in den 90er-Jahren mit den Spin Doctors Abermillionen von Platten verkaufte, vergeht bis heute praktisch kein Tag, an dem Comess nicht mit Joan Osborne oder irgend einem anderen Top-Musiker auf der Bühne steht.
Hinzu kam noch der bewährte Gitarrist und Violinist Markus Wienstroer. Der gebürtige Düsseldorfer gründete einst mit Peter Hein (Fehlfarben) die Band Family Five und arbeitet bereits seit den späten Neunzigern mit Westernhagen zusammen. Außerdem hat er mit Joe Cocker, Nina Hagen und zahlreichen anderen gespielt.
Nicht zuletzt gehört die Ausnahmesängerin Della Miles seit einigen Jahren zur Westernhagen-Familie. Sie und Alan Clark (Hammond Organ, Keyboards), Frank Mead (Saxofon, Harmonica, Percussion, Flute) sowie der Background-Sänger Ron Jackson komplettierten auf der „Williamsburg“-Tournee ein Line-up der absoluten Sonderklasse.
Und so ist „Hottentottenmusik“ nicht zuletzt ein Geschenk an diese einmalige Band geworden: „Dass ich mit solchen Leute arbeiten durfte wie bei „Williamsburg“ und jetzt auf der Tour, das hätte ich mir vor zehn Jahren noch gar nicht vorstellen können“, sagt Westernhagen, „ich hätte früher nie gedacht, dass die überhaupt mit mir reden würden.“
Die Musiker wollten nicht nur mit ihm reden, sie baten Marius auch, seine Texte ins Englische zu übersetzen, um sich besser in seine Songs einfühlen zu können. So entstand eine besondere Atmosphäre: „Die Band kam zusammen, um zu proben, und nach einer Woche klang es plötzlich so, als würden wir schon seit 20 Jahren zusammenspielen“, sagt Westernhagen. „So was kann man nicht planen, das ist einfach nur großes Glück, wenn das passiert. Bevor dann bei den Konzerten der Vorhang aufging, haben wir immer gemeinsam auf der Bühne getanzt und Blödsinn gemacht, das war eine einmalige Chemie.“
Um diese besondere Chemie auch festzuhalten, entstand die Idee, die Konzerte mitzuschneiden. Einfach nur mal so, ohne großen Aufwand. Um zu sehen, was geschieht. Nach Abschluss der Tournee reiste Westernhagen nach Südafrika, nahm die Bänder von den Konzerten mit und konnte kaum fassen, was er hörte: „Ich dachte, ,verdammt noch mal, das ist ja wirklich richtig gut‘“, erinnert er sich. „Die Bühne bei diesen Konzerten war ja riesig, und wir standen ziemlich weit auseinander. Was mir wirklich imponiert hat: wie gut gemessen an diesen Umständen musiziert wurde, wie tight wir waren.“
Genau dieses Gefühl einer funktionierenden Einheit sollte bewahrt werden. Als Müller-Westernhagen die Bänder schließlich zusammen mit Dieter Krauthausen und Kevin Bents in den Berliner Hansa-Studios bearbeitete, beließen sie die Aufnahmen so roh wie irgend möglich. Konzentriert, kompakt, knackig und nur mit einigen wenigen Ansagen versehen, hören wir im Ergebnis Marius Müller-Westernhagen und seine Band so ungefiltert und eins zu eins wie noch nie. „,Nur Ein Traum‘ oder ,Alleine‘“, sagt Westernhagen, „das sind Songs, bei denen ich mir immer gewünscht habe, dass sie genau so klingen, wie jetzt. Und dafür brauchst du halt wirklich diese authentischen Leute.“
Bei der Songauswahl ging es dann darum, auch mal einige Songs in den Mittelpunkt zu stellen, die sonst oft ein bisschen im Schatten der ganz großen Megadinger standen. Natürlich sind „Mit 18“ und „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ drauf, aber gerade diese Songs gehen auf spielerische Weise in Chicago-Blues-Jams der Sonderklasse auf, weswegen Letzterer hier auch konsequent „Pfefferminzblues“ heißt.
Außerdem gibt es weniger offensichtliche Klassiker wie „Lichterloh“ aus „In den Wahnsinn“. „Wie dieser Song bei der letzten Tour gefeiert wurde, das war beeindruckend“, sagt Westernhagen immer noch ungläubig kopfschüttelnd. Und dieses Kopfschütteln ist vielleicht der Schlüssel zu der extremen Energie und Leidenschaft auf „Hottentottenmusik“. Kaum zu glauben, aber Marius Müller-Westernhagen hat sich auch nach mehr als 40 Jahren im Musikgeschäft noch die Begeisterungsfähigkeit eines kleines Jungen beibehalten. Und das hört man.
Denn natürlich braucht sich der Sänger keineswegs hinter seiner Mannschaft zu verstecken.
Westernhagens Gesang ist über die Jahre tiefer und intensiver geworden. Er nähert sich immer mehr seinen amerikanischen Blues-Vorbildern an und gewinnt zunehmend an Ausdruck. Wie er etwa den „Pfefferminzprinzen“ erst sanft umgarnt und dann fordernd verschlingt, das hat eine einmalige Klasse.
Aber auch die klar gesungenen Klassiker wie „Engel“ gelingen ihm noch, ach was: er beherrscht sie so meisterhaft und gefühlvoll wie noch nie. Denn hier haben wir mal einen dieser seltenen Fälle eines Musikers, der über die Jahrzehnte immer weiter gelernt hat und sich jetzt der Vollendung nähert. Insofern ist „Hottentottenmusik“ das superbe Dokument eines gereiften Ausnahmekünstlers, wie es in diesem Lande nicht so viele gibt.
Die Sehnsucht nach den amerikanischen Stilen, die Ehrfurcht vor dem Blues, dem klassischen Rock‘n‘Roll hörte man bereits vielen frühen Songs von Marius Müller-Westernhagen an. Aber erst jetzt erstrahlt diese ewige Sehnsucht in vollem Glanz. Wir kannten den Schauspieler, den Dompteur der Massen, den Erzähler guter Geschichten, den Pionier der deutschen Rockmusik. Vor allem aber war Marius Müller-Westernhagen immer eins: ein den amerikanischen Traditionen verpflichteter, überaus gewissenhaft arbeitender Musiker. Und diese Seite trat noch nie so prominent in den Vordergrund wie auf „Hottentottenmusik“.
„Der Weg war weit, der Weg war weit“ singt er am Ende von „Engel“. Ja, das war er wohl. Weit und hart, aber auch schön und von vielen Erfolgen gekrönt. Bis jetzt war es ein guter, ein sehr guter Weg. Eine überaus wichtige Station auf diesem Wege ist „Hottentottenmusik“. Und danach geht‘s einfach immer weiter ...
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